Der weite Blick der Wereldbibliotheek. Die internationale Ausrichtung der Wereldbibliotheek unter besonderer Beachtung der deutschen Kultur zwischen 1905 und 2004. (Cornelie van Rinsum)

 

home lijst scripties inhoud vorige volgende  

 

1. Einführung

 

Der in Amsterdam angesiedelte Verlag Wereldbibliotheek (WB), der unter dem Namen ‚Maatschappij tot Verspreiding van Goede en Goedkoope Lectuur (MGGL)’ im Jahre 1905 vom Journalisten und Literaturwissenschaftler Leo Simons und seinem Kompagnon Gérard Schreuder gegründet worden ist, bildet den Gegenstand dieser Diplomarbeit. Wereldbibliotheek ist der Name der ersten und beliebten Bücherserie, die der Verlag herausgibt, und ist erst im Jahre 1939 der offizielle Name des Verlags geworden. Besonderes Ziel war der WB war, preiswerte Bücher unter einem neuen Publikum, das bis dann kaum an der Lesekultur teilhatte, zu verbreiten. Dazu wurde nicht nur die traditionelle Buchhandlung eingeschaltet.

Vor dem Hintergrund meines Deutschstudiums innerhalb der Spezialisierung ‚Vertalen’ bildet die Wereldbibliotheek ein schönes Forschungsobjekt für meine Diplomarbeit, denn die Wereldbibliotheek hat im Laufe der vergangenen hundert Jahre regelmäßig Übersetzungen aus dem deutschen Sprachgebiet herausgegeben. Somit kann ich die zwei Pfeiler meines Studiums (einerseits die deutsche Sprache und Kultur und andererseits Übersetzen) miteinander verbinden. Ziel dieser Studie ist es, Klarheit über die internationale Ausrichtung und besonders über die Ausrichtung auf die deutsche Literatur der Wereldbibliotheek und ihrer Leser zu verschaffen. Mit der intendierten Forschungsarbeit möchte ich außerdem einen Beitrag zur wissenschaftlichen Forschung nach literarischen Verlagen leisten, die eine noch nicht so lange Tradition hat.

 

 

1.1. Verlage in der Literaturwissenschaft

 

Die Literaturwissenschaft hat dem Verlag als Untersuchungsgegenstand lange Zeit wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Der Verlag kam nur indirekt zur Sprache, zum Beispiel in Literaturgeschichten. Innerhalb der Literaturwissenschaft standen namentlich die Analyse und Interpretation des literarischen Werks, dessen Autor und die jeweilige literarische Strömung im Mittelpunkt, während Verlage nebenbei behandelt wurden. In den siebziger Jahren entsteht jedoch eine Besinnung auf die Aufgabenstellung und Methodik der Literaturwissenschaft. Die Wissenschaftlichkeit der Literaturwissenschaft wird kritisiert, weil eine explizite theoretische Basis und eine eindeutige Fragestellung fehlen. Außerdem würde die Literaturwissenschaft nicht die erkenntnistheoretischen und methodologischen Anforderungen der intersubjektiven Kontrollierbarkeit und Falsifizierbarkeit der wissenschaftlichen Forschungsergebnisse erfüllen. Die empirischen Wissenschaften sollten als Beispiel für eine neue wissenschaftliche Basis dienen. Man spricht sich für eine mehr „empirisch-sociaalwetenschappelijk“ orientierte Literaturwissenschaft aus.[1] Wichtig in der ‚neuen’ Literaturwissenschaft wird die Auffassung, dass Literatur als ‚Kommunikation’ verstanden werden soll.[2] Dieser Gedanke erweitert das Forschungsobjekt, denn er lenkt die Aufmerksamkeit ebenfalls auf Leser und literarische Institutionen. Literarische Institutionen definiert De Glas als „instanties die deel hebben aan de produktie en verspreiding van teksten en aan het vormen en verkondigen van opvattingen over die teksten“.[3] Als Beispiele literarischer Institutionen nennt De Glas Verlage, Bibliotheken, Buchhandlungen und Buchgemeinschaften, Literaturwissenschaft und –kritik, Unterricht, staatliche Instanzen für Kulturpolitik, die Presse und die übrigen Medien. Da nicht nur der literarische Text, sondern auch literarische Institutionen als wertvolle Forschungsobjekte betrachtet werden, wird nach und nach der Blick erweitert, und ist auch der Verlag als literarische Institution allmählich zu einem gängigen Forschungsobjekt geworden.

 

 

1.2. Forschung nach Verlagen

 

Über Verlage und Verleger aus dem 20. Jahrhundert ist eine umfassende Literatur vorhanden. Betriebsjubiläen sind oft Anlass zu solchen Arbeiten. Bücher über Verlage kombinieren oft die Lebensbeschreibung des Gründers und die Betriebsgeschichte mit einer Charakteristik des Verlagsprogramms. Solche Arbeiten sind nach De Glas meistens „onkritisch“ und „weinig diepgaand“.[4] Wissenschaftliche Studien zu modernen niederländischen Verlagen waren bis vor kurzem kaum vorhanden, aber in den letzten Jahrzehnten hat sich dies geändert. Das zugenommene Interesse für Verlage passt nach Susanne Janssen in die breitere Tendenz des wachsenden Interesses für die Umstände und Voraussetzungen, worunter Literatur entsteht, verbreitet und rezipiert wird.[5]

Adorno und Horkheimer haben die ‚Kulturindustrie’ seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts untersucht.[6] Den Begriff Kulturindustrie definiert Frank de Glas folgendermaßen: „In het moderne kapitalisme is de produktie van cultuurgoederen voor de massa een op arbeidsdeling, standaardisering en zorgvuldige planning gebaseerd industrieel proces geworden“.[7] In der Kulturindustrie ist Gewinn das wichtigste Ziel der Betriebe, und sind vor allem die großen Unternehmen von Bedeutung. Die Produkte der Kulturindustrie basieren auf Stereotypen, Klischees und Wiederholung, wodurch die Kultur zu „kritiekloos amusement“ entartet.[8] Wirtschaftliche Faktoren gewinnen in der Buchproduktion im Laufe des 20. Jahrhunderts denn auch immer mehr an Bedeutung. Konkrete Beispiele dieser Entwicklung sind der Aufstieg des Taschenbuchs, des Beststellers und der Buchgemeinschaften.

Die Studentenbewegung der sechziger und siebziger Jahre leistet ebenfalls einen Beitrag zur Forschung der Kulturindustrie. Die Forschungsergebnisse beziehen sich u.a. auf die Produktion der Massenlektüre und des Bestsellers im planmäßig organisierten industriellen Verlagskonzern und auf die Konzentration und Monopolisierung im Verlagswesen.[9] Der Verlag wird in diesen Studien als Teil der Kulturindustrie untersucht, aber ist noch immer kein selbstständiges Forschungsobjekt. Dies geschieht erst in den siebziger Jahren.

Pierre Bourdieu untersucht in seiner Studie aus dem Jahr 1977 den Verlag als kulturelle Institution.[10] Er präzisiert die Position der Verlage anderen kulturellen Institutionen gegenüber und geht auf die kulturellen und wirtschaftlichen Aspekte der Verlagspolitik ein. Verdaasdonk untersucht das Titelangebot fünf niederländischer literarischer Verlage in den Jahren 1975 bis 1980.[11] Andere Studien beschäftigen sich mit den Beziehungen des Verlags zu anderen kulturellen Institutionen, wie literarischen Zeitschriften (Verdaasdonk in den siebziger Jahren), literarischen Essays (Verdaasdonk in den achtziger Jahren), literarischen Rundfunkprogrammen (Viehoff, Anfang der siebziger Jahre) und literarischer Kritik in Zeitungen und Zeitschriften (Janssen in den achtziger Jahren).[12] In diesen Studien handelt es sich jeweils um die Frage, welche Wahl die anderen kulturellen Institutionen aus dem Angebot der Verlage treffen.

Verschiedene ausländische Studien geben Aufschluss über die Macht der Verlage als „gatekeeper of ideas“ (auf diesen Begriff wird im nächsten Absatz näher eingegangen).[13] Die amerikanische Studie von Lewis Coser in den achtziger Jahren zeigt, dass die Macht der Verleger nicht unterschätzt werden darf.[14]

In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre sind in den Niederlanden verschiedene Doktorarbeiten erschienen, die den Verlag zum Forschungsobjekt haben. Die umfassende Doktorarbeit R.E.M. van den Brinks (1987) behandelt die Geschichte der ganzen Informationsmedien und besonders des Verlags im 20. Jahrhunderts aus einer betriebswirtschaftlichen Perspektive.[15] Die Studie von Frank de Glas (1989) untersucht die Entwicklung der Verlage Wereldbibliotheek und Ontwikkeling/De Arbeiderspers vor dem Zweiten Weltkrieg.

Lisa Kuitert untersucht in den neunziger Jahren die literarischen Serien literarischer Verlage nach 1945[16], und Sandra van Voorst untersucht in ihrer Doktorarbeit aus 1997 die Rolle der Übersetzungen im Verlagswesen der Nachkriegszeit.[17] In einer Anzahl weiterer Studien wird die Rolle externer Institutionen in der Auswahl und dem Erwerb der Autoren von Verlagen untersucht. Janssen und Olislagers untersuchen zum Beispiel die Rolle der Zeitschriften in dieser Hinsicht.[18]

Obschon wissenschaftliche Forschung nach dem Verlag als kultureller Institution lange Zeit wenig üblich war, beweist diese Auflistung, dass dieser Sachverhalt sich geändert hat. Jedoch handelt es sich nach Susanne Janssen bis jetzt um Fallstudien, und ist die Theoriebildung zum Funktionieren literarischer Verlage im Allgemeinen leider noch mangelhaft.[19]

 

 

1.3. Wie sind Verlage zu untersuchen?

 

Den verschiedenen Studien zu Verlagen liegen unterschiedliche Ausgangspunkte zugrunde. Van Voorst unterscheidet auf der einen Seite den soziologischen und wirtschaftlichen Ausgangspunkt und auf der anderen Seite die historische, mehr dokumentarische Annäherung. Soziologisch und wirtschaftlich ausgerichtete Studien beziehen sich aufgrund von Daten zur Produktion und Verbreitung auf die Verbindung zwischen dem Verlag und den Autoren, zwischen dem Markt und den Lesern. Historisch und dokumentarisch ausgerichtete Forschungen geben anhand von der Zusammensetzung des Verlagsprogramms über Verlagsprogramm und Verlagsziele Aufschluss. Eine neue Vorgehensweise verbindet diese beiden Ausgangspunkte, was Sandra van Voorst die „institutionele“ Annäherung nennt, die das literarische ‚Feld’, in dem verschiedene Institutionen und Personen auftreten, untersucht.[20] Die neueste Forschung nach Verlagen rückt vor allem die Zusammensetzung des Verlagsprogramms und Faktoren, die die Bildung des Verlagsprogramms beeinflussen, in den Mittelpunkt. Dies gilt zum Beispiel für die Doktorarbeiten von Frank de Glas und Sandra van Voorst.

Van Voorst stellt die Frage, was das eigentliche Forschungsobjekt der Verlagsforschung ist, weil die Ideen und Ideale des Verlegers selbstverständlich nicht immer mit dem in der Praxis aufgebauten Verlagsprogramm übereinstimmen. Äußerungen eines Verlegers und Akzente, die er auf bestimmte Teile des Verlagsprogramms oder auf Autoren legt, vermitteln nach Van Voorst ein subjektives und unvollständiges Bild des Verlagsprogramms. Auch nach De Glas kann für die Bestimmung der besonderen Charakteristik eines Verlagsprogramms die Persönlichkeit des Verlegers nicht als zuverlässigen Gradmesser dienen. Wenig Verleger äußern sich explizit zu den Kriterien, die ihrer Selektion zugrunde liegen, und Programme, die schon zu Papier gebracht sind, sind meistens sehr allgemein und vage formuliert. Van Voorst und De Glas unterscheiden deshalb zwischen dem Ziel, das erstrebt wird, und dem Ziel, das faktisch erreicht wird. Sie beziehen sich dabei beide auf Meyer-Dohm, der einen Unterschied zwischen „Berufsidealen“ und „Leitmaximen“ eines Verlegers macht.[21] ‚Berufsideale’ eines Verlegers sind seine Auffassungen bezüglich der Aufgabe seines Berufs und seine nach außen vorgeführten Ideale und Zielsetzungen. Unter ‚Leitmaximen’ werden die faktischen Zielsetzungen des Verlegers verstanden, wie sie in der Praxis ersichtlich werden, zum Beispiel im Verlagsprogramm. Eine Diskrepanz zwischen Berufsidealen und Leitmaximen ist deswegen möglich.

Wegen des nach Frank de Glas „vortheoretischen“ Stadiums, in dem die wissenschaftliche Verlagsforschung sich 1989 befindet, ist es unklar, auf welche Weise die Forschung anzugehen ist.[22] Nach De Glas besteht die Methode, mittels deren Verlagsforschung stattfinden soll in einer Analyse des Verlagsprogramms. Da nach De Glas die Charakteristik eines Verlagsprogramms nicht anhand eines Programms oder der Persönlichkeit des Verlegers bestimmt werden kann, ist eine mehr empirische Grundlage nötig. Eine empirische Analyse des integralen Verlagsprogramms ermöglicht nach De Glas objektiven Äußerungen zu dessen besonderer Charakteristik.[23] Dies bedeutet, dass nicht nur die Höhepunkte des Verlagsprogramms untersucht werden müssen, sondern alle Ausgaben. De Glas unterscheidet zwei Merkmale, die das Verlagsprogramm bestimmen: die Art der Bücher und die Titel und Autoren, die im Verlagsprogramm vorherrschen. Weiterhin kann nach De Glas im Hinblick auf Akzentverschiebungen im Verlagsprogramm quantitative Forschung ausmachen, in wiefern es sich um wesentliche Kursänderungen handelt. Forschung nach der Charakteristik eines Verlagsprogramms über eine längere Periode kann nach De Glas außerdem die Rolle der Redaktion beleuchten. Diese Rolle ist mit expliziten Äußerungen des Verlagsvorstands zu dessen Politik zu verbinden.

 

 

1.4. Die Studien von Frank de Glas und Sandra van Voorst

 

Da die vorliegende Forschung methodisch auf zwei Doktorarbeiten zurückgreift, werden die Studien näher erläutert. Die erste Doktorarbeit ist unter dem Titel Nieuwe lezers voor het goede boek (1989) erschienen.[24] Daneben ist 1997 die Doktorarbeit von Sandra van Voorst erschienen: Weten wat er in de wereld te koop is.[25]

Die Doktorarbeit von Frank de Glas betrifft eine umfassende und systematische Forschung nach den Verlagsprogrammen zweier Vorkriegsverlage, Wereldbibliotheek und Ontwikkeling/De Arbeiderspers vor 1940. Beide Verlage gaben u.a. literarische Werke aus und erstrebten ein besonderes Ziel, nämlich die Verbreitung qualitativ hochwertiger Lektüre unter neuen Lesern. Ausgangspunkt für Frank de Glas ist der Gedanke, dass die Bildung eines Verlagsprogramms nur verstanden werden kann, wenn die Betriebsführung und Strategie des Verlags mit in Betracht gezogen werden. De Glas passt die Forschung des Verlagsprogramms deswegen in die Analyse des Verlags als Betrieb ein. De Glas untersucht den Verlag als Betrieb auf drei verschiedene Merkmale hin. Erstens beschreibt De Glas die Grundlage des Betriebs (die Zielsetzung, Rechtsform und Weise der Kapitalverschaffung). Zweitens erforscht De Glas die Organisation der verlegerischen Aufgaben, wie die Erwerbung und Qualifikationen der Mitarbeiter, die Erwerbung der Manuskripte und das Verhältnis zu Fachkollegen. Schließlich bezieht De Glas die Verbreitung und Vermarktung der Ausgaben in seine Forschung ein.

Im empirischen Teil der Arbeit untersucht Frank de Glas den Aufbau des Verlagsprogramms. De Glas ordnet die Titel nach Gattung (Fiktion oder Nichtfiktion) und nach ursprünglichem Sprachgebiet (Niederländisch oder übersetzt) ein. Diese Einordnungen sind nach ihm auf dem Büchermarkt gängig geworden.[26] Somit entstehen vier Hauptsegmente: niederländische Fiktion, übersetzte Fiktion, niederländische Nichtfiktion und übersetzte Nichtfiktion. De Glas untersucht die Wereldbibliotheek in der Periode 1905 bis 1939 und teilt die Periode in Zeitabschnitte von fünf Jahren auf. Für jeden Zeitabschnitt listet er die Titelproduktion pro Segment auf. Aufgrund dieser Einordnung führt De Glas eine quantitative Analyse durch und beschreibt die Entwicklung der verschiedenen Segmente in der untersuchten Periode. In den vier Hauptsegmenten unterscheidet De Glas außerdem das Verhältnis zwischen zeitgenössischen und schon gestorbenen Autoren, das absolute Alter der Titel (Ausgaben vor 1900 und nach 1900 werden unterschieden) und die Ursprünglichkeit der Ausgaben, d.h. dass untersucht wird, ob eine Ausgabe zum ersten Mal im niederländischen Sprachgebiet erschienen ist oder nicht. Weiterhin untersucht De Glas das Verlagsprogramm auf drei andere Merkmale hin: Die Oeuvres (er berechnet den Umfang und die Laufzeit der größten Oeuvres), das Gewicht der Serienformel und die wirtschaftliche Bedeutung der verschiedenen Segmente (anhand von der Anzahl Neuauflagen). Aufgrund dieser Analyse stellt De Glas eine Liste der erfolgreichsten Werke auf, und stellt er pro Segment das wirtschaftliche Gewicht fest.

Die Forschung von De Glas trägt eine statistische Prägung. De Glas geht nicht auf inhaltliche Aspekte der Werke und Autoren ein, sondern untersucht die Verlagsprogramme auf ihre wirtschaftliche und kulturelle Kontinuität hin. De Glas betrachtet einen Verlag als einen Betrieb, der wirtschaftliche und kulturelle Dauerhaftigkeit erstrebt. Diese Dauerhaftigkeit wird nach ihm erreicht, indem Titel im Rahmen von Oeuvres und Serien ausgegeben werden. Daneben betont De Glas die Notwendigkeit einer richtigen Zusammensetzung des Verlagsprogramms, d.h. eine richtige Mischung von Büchern (alte/neue Titel), Autoren (debütierend/etabliert) und Oeuvres. Dies ist nach ihm von Gewicht, weil somit eine Diversifikation entsteht, die die wirtschaftliche und kulturelle Kontinuität des Verlags fördert.

Die Schlussfolgerungen von De Glas zeigen auf, dass wirtschaftliche und strategische Erwägungen tatsächlich die Bildung des Verlagsprogramms beeinflussen. Die Studie von De Glas weist ebenfalls auf, dass die eigene Beschaffenheit individueller Verlage nur bestimmt werden kann, wenn das Verlagsprogramm als Ganzes erforscht wird und nicht nur dessen Höhepunkte. Die Charakteristik des Verlagsprogramms kann nach De Glas nicht einfach definiert werden, da es aus sehr unterschiedlichen Teilen zusammengesetzt ist. Die Studie vermittelt ein sehr nuanciertes Bild der untersuchten Verlagsprogramme und zeigt auf, dass die Ziele eines Verlags und die Kriterien, die angewendet werden, nicht ohne weiteres auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen sind. Nuancierung sei nach De Glas geboten.

Sandra van Voorst untersucht in ihrer Doktorarbeit die internationale Ausrichtung des niederländischen Verlagswesens in der Nachkriegszeit. Im Rahmen der Internationalisierung befasst sie sich mit der Rolle der Übersetzungen. Die zweigliedrige Zielsetzung der Forschung von Van Voorst sind das Funktionieren des Verlags im Allgemeinen und dessen Entwicklungen nach 1945, und zweitens die internationale, kulturelle Ausrichtung der niederländischen Verlage nach 1945. Ihre Forschung bezieht sich auf die Periode 1945 bis 1970. Van Voorst stützt sich in ihrer Analyse auf die Ausgangspunkte der Forschung von De Glas.

Die Grundlage der Verlagsforschung bildet nach Van Voorst das Produkt, das Buch, weswegen das Titelangebot der Verlage rekonstruiert werden muss. Die Charakteristik eines Verlagsprogramms kann nach Sandra van Voorst skizziert werden, indem dessen Zusammensetzung und Verschiebungen im Laufe der Zeit analysiert werden. Sandra van Voorst teilt die Titel nach verschiedenen Kriterien ein: nach ursprünglichem Sprachgebiet (Niederländisch oder übersetzt) und nach Gattung (Fiktion oder Nichtfiktion). Diese Einteilung führt wie in der Forschung von De Glas zu vier Hauptsegmenten (niederländische Fiktion, übersetzte Fiktion, niederländische Nichtfiktion und übersetzte Nichtfiktion). Van Voorst führt eine quantitative Analyse des totalen Titelangebots zwischen 1945 und 1970 durch. Anhand von sechs Stichjahren (1946, 1950, 1955, 1960, 1966, 1970) berechnet Van Voorst den absoluten und relativen Anteil des Übersetzungsangebots in der totalen Titelproduktion zwischen 1945 und 1970.

Auf das Übersetzungsangebot geht Van Voorst näher ein. Da es Van Voorst unmöglich ist, alle niederländischen Verlage näher zu analysieren, hat sie sich auf die Verlage Het Spektrum, Meulenhoff, Veen und Contact beschränkt. In einem einzelnen Kapitel vermittelt Van Voorst für diese Verlage einige besondere Charakteristiken bezüglich der Geschichte der Verlage und eine allgemeine Skizzierung ihrer Verlagsprogramme. Die nähere Analyse der vier Verlage bezieht sich auf Verschiebungen im einzelnen Verlagsprogramm, besonders die des Übersetzungsangebots. Die Analyse erfolgt erneut anhand von der Aufteilung in vier Segmente, und innerhalb des Übersetzungsangebots unterscheidet Van Voorst weiterhin ursprüngliche Sprachgebiete, vor allem die englische, deutsche und französische Sprache. Die übrigen Sprachgebiete werden auch beschrieben, aber weniger tief gehend. Während De Glas keine Sprachgebiete unterscheidet (er spricht nur von Übersetzungen), unterscheidet Van Voorst sie dagegen schon. Genauso wie Frank de Glas befasst Van Voorst sich mit der Kontinuität, die sie wie De Glas anhand von Oeuvres, Neuauflagen und der Serienformel erforscht. Van Voorst unterscheidet wie De Glas alte und zeitgenössische Werke (wobei sie als Grenze das Jahr 1940 hantiert), und berechnet Ausmaß und Laufzeit der Oeuvres. In einzelnen Kapiteln geht Van Voorst schließlich auf das Phänomen des Taschenbuchs, die Serienformel und Netze um den Verlag (anhand von drei Beispielen) ein. All diese unterschiedlichen Aspekte verschaffen Informationen zum Aufbau des Verlagsprogramms. Dies ermöglicht nach ihr einer unvoreingenommenen Kennzeichnung des Verlagsprogramms, und weiterhin können somit verschiedene Verlage miteinander verglichen werden.

 

 

1.5. Intendierte Forschung

 

Die Wereldbibliotheek hat viele Bücher ausgegeben, jedoch werde ich mich nur den übersetzten Titeln widmen. Innerhalb des Übersetzungsangebots gilt mein besonderes Interesse den deutschen Übersetzungen. Die Forschung ist auf die Beantwortung der folgenden Frage ausgerichtet: Wie sieht die internationale Ausrichtung und besonders die Ausrichtung auf die deutsche Literatur der Wereldbibliotheek und ihres Leserpublikum zwischen 1905 und heute aus?

Die Forschung fällt in zwei Teile auseinander. Der erste Teil der Analyse bezieht sich auf die prozentuelle Entwicklung des Übersetzungsangebots innerhalb des totalen Titelangebots der Wereldbibliotheek. Mit dem ersten Teil der Analyse hoffe ich eine Klarheit über die internationale Ausrichtung der Wereldbibliotheek zwischen 1905 und heute zu verschaffen. Namentlich der Entwicklung des deutschen Sprachgebiets und seinem Verhältnis zu den anderen Sprachgebieten im totalen Übersetzungsangebot wird Beachtung geschenkt werden. Ich widme mich vor allem der deutschen, englischen und französischen Sprache. Wenn sich herausstellen wird, dass auch andere Sprachgebiete im Verlagsprogramm der Wereldbibliotheek eine große Rolle spielen oder gespielt haben, werde ich diese Ergebnisse selbstverständlich in meine Forschung einbeziehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg findet in den Niederlanden eine explosionsartige Zunahme des Bücherangebots, und namentlich des Übersetzungsangebots statt. Ich werde erforschen, ob diese Zunahme auch für die Wereldbibliotheek zutrifft. Schließlich ist von Bedeutung, ob der nach 1945 zunehmende Einfluss der angelsächsischen Kultur sich auch für die Wereldbibliotheek geltend gemacht hat. Dieser Einfluss ergibt sich im Verlagswesen aus einer Zunahme der Übersetzungen aus dem Englischen.

Im zweiten Teil der Analyse wird dem deutschen Übersetzungsangebot besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Im Gegensatz zum ersten Teil der Studie werde ich auf die Ausgaben eingehen. Das Verhältnis zwischen Fiktion und Nichtfiktion, Gattungen, Strömungen, Wissensgebiete und Niveua der Werke werden in der Analyse an die Reihe kommen. Interessant ist ansonsten die Frage, warum die Wereldbibliotheek Übersetzungen aus dem Deutschen ausgegeben hat. Außerdem deckt das Interesse der Leser ihre Ausrichtung auf das deutsche Sprachgebiet auf. Die Analyse der deutschen Übersetzungen gibt über die Ausrichtung der Wereldbibliotheek und ihrer Leser auf die deutsche Kultur Aufschluss.

 

 

1.6. Operationalisierung der Forschungsfragen und die Methode

 

Es ist von Gewicht, wie in der vorliegenden Forschung die Ausrichtung der Wereldbibliotheek und ihr Leserpublikum auf die deutsche Kultur untersucht wird. Die Bezeichnung ‚deutsche Kultur’ wird näher spezifiziert werden, denn sie umfasst ein breites Spektrum.

Zunächst werde ich einen Unterschied zwischen zwischen Fiktion und Nichtfiktion machen. Diese Einteilung ist in der Literaturwissenschaft gängig. Auch Frank de Glas und Sandra van Voorst in ihren Arbeiten einen Unterschied zwischen Fiktion und Nichtfiktion. Außerdem werde ich das Verhältnis zwischen den Gattungen Epik, Drama, Lyrik und Nichtfiktion im deutschen Übersetzungsangebot bestimmen. Die Werke aus dem Bereich der Fiktion werden verschiedenen literarischen Strömungen zugeordnet und die Werke aus dem Bereich der Nichtfiktion den unterschiedlichen Wissensgebieten.

Ich beantworte weiterhin die Frage, ob es sich um nichtzeitgenössische oder zeitgenössische Werke handelt. Als Grenze hantiere ich das Jahr 1900. Werke, die ursprünglich vor 1900 erschienen sind, bezeichne ich als klassisch oder nichtzeitgenössisch, während der Rest als zeitgenössisch angesehen wird. Diese Frage der Kontemporärität wurde auch von De Glas und Van Voorst erforscht.

Es erhebt sich schließlich die Frage, ob der Schwerpunkt des Verlagsprogramms im Bereich der hochwertigen Dichtung oder eher im Bereich der oberflächlicheren Unterhaltungsliteratur liegt. Was den Bereich der Nichtfiktion anbelangt, ist es von Gewicht aufzudecken, ob wissenschaftliche oder populärwissenschaftliche Werke überwiegen. Bezüglich der Fiktion werde ich deswegen zwischen Dichtung, besserer Unterhaltungsliteratur und Unterhaltungsliteratur unterscheiden. Die Einteilung Dichtung, bessere Unterhaltungsliteratur und Unterhaltungsliteratur habe ich der Studie von Hans Elema entnommen.[27] Da der Unterschied zwischen Kunst oder Dichtung einerseits und Unterhaltungsliteratur andererseits nicht immer scharf zu trennen ist, unterscheidet Elema eine dritte Gruppe: Die bessere Unterhaltungsliteratur. Diese Einteilung ist zunächst notwendig, weil somit das Material bewältigt werden kann. Vor allem deckt die Einteilung aber das künstlerische und wissenschaftliche Niveau der Ausgaben auf.

Den Unterschied zwischen den verschiedenen literarischen Niveaus werde ich anhand von den Literaturgeschichten von Beutin und Sørensen feststellen.[28] Diese literaturgeschichtlichen Werke habe ich zu Rate gezogen, weil sie während meines Studiums der deutschen Sprache und Kultur empfohlen wurden und sich als ein gutes Hilfsmittel erwiesen haben. Wenn das Werk eines Autors in den genannten literaturhistorischen Werken vorkommt, bezeichne ich das Werk als Dichtung. Die Restgruppe ordne ich der Unterhaltungsliteratur zu. Um Nuancierung zu ermöglichen, werde ich wie Elema eine dritte Gruppe unterscheiden: Die bessere Unterhaltungsliteratur. Die Methode wird also flexibel hantiert. Literaturgeschichten treffen nämlich eine Auswahl, wobei sie nicht immer das ganze Spektrum der Dichtung umfassen können. Unter bessere Unterhaltungsliteratur verstehe ich Werke, die nicht in den Literaturgeschichten vorkommen, aber trotzdem ein bestimmtes literarisches Niveau aufweisen und anspruchsvolle Themen aufgreifen. Weitere Sekundärliteratur  kann die Einordnung der Autoren und Werke deswegen ebenfalls bestimmen.

Betreffs der Nichtfiktion unterscheide ich zwischen populärwissenschaftichen und wissenschaftlichen Ausgaben. Unter ‚primär wissenschaftliche’ Werke verstehe ich Werke, die von Wissenschaftlern für Wissenschaftler geschrieben worden sind. Unter ‚populärwissenschaftlichen’ Werken verstehe ich Werke, die für ein allgemeines Publikum geschrieben wurden. Die Wissenschaftlichkeit einer Ausgabe bestimme ich anhand von der Brockhaus-Enzyklopädie, Klappentexten und Vorworten.

Klappentexte, Vor- und Nachworte können Klarheit über das Motiv für eine Ausgabe geben, denn Klappentexte werden von der Redaktion hinzugefügt, während Vor- und Nachworte sowohl von der Redaktion, vom Übersetzer oder von anderen Sachverständigen geschrieben werden. Aufschlussreich ist es, die Motive für Herausgaben zu ermitteln, weil somit die Ausrichtung der Wereldbibliotheek auf die deutsche Kultur weiter spezifiziert werden kann. Auch beziehe ich die Sekundärliteratur zur Beantwortung dieser Frage ein, denn Beweggründe der Herausgaben werden nicht immer von der Redaktion expliziert.

 

 

1.7. Einordnung der vorliegenden Forschung

 

Diese Studie greift teilweise auf die in den Studien von Frank de Glas und Sandra van Voorst angewandte Methode zurück. Andererseits unterscheidet die vorliegende Studie sich von den Studien von Frank de Glas und Sandra van Voorst. De Glas und Van Voorst beziehen mehrere Verlage in ihre Forschung ein, während ich nur einen Verlag unter die Lupe nehme. Die Perioden unterscheiden sich ebenfalls. Frank de Glas bezieht sich auf den Zeitabschnitt 1900 bis 1939, Sandra van Voorst basiert ihre Forschung auf den Jahren 1945 bis 1970, während ich die Periode 1905 bis 2004 erforsche. In der Analyse wende ich wie De Glas und Van Voorst die Einteilung nach ursprünglichen/übersetzten Titeln und Fiktion/Nichtfiktion an. Die besondere Aufmerksamkeit, die Van Voorst für die englische, deutsche und französische Sprache aufzeigt, bezieht sich auch auf die vorliegende Studie. Auch das Interesse für Oeuvres kehrt in der vorliegenden Forschung zurück. Der kommerzielle Aspekt spielt in der vorliegenden Studie zwar eine Rolle, aber mein Interesse gilt dabei nicht der wirtschaftlichen Kontinuität des Verlagsprogramms. Es handelt sich dagegen um die Frage, welche Werke aus dem deutschen Sprachgebiet erfolgreich gewesen sind. Vor allem bei De Glas ist der (betriebs)wirtschaftliche Aspekt von Bedeutung. Er untersucht, auf welche Weise der Verlag sich als Betrieb behauptet. Diese betriebswirtschaftliche Ausrichtung fehlt meiner Studie, mein Interesse gilt dagegen der Ausrichtung der Wereldbibliotheek und ihrer Leser auf das deutsche Sprachgebiet. Im Gegensatz zu De Glas und Van Voorst werde ich inhaltlich auf die Ausgaben eingehen. Die inhaltliche Ausrichtung der vorliegenden Studie ist der Studie von Hans Elema ähnlich. Der Unterschied, zwischen Dichtung, besserer Unterhaltungsliteratur und Unterhaltungsliteratur ist nicht den Studien von De Glas und Van Voorst entnommen, sondern der Studie Hans Elema’s. Im Allgemeinen gilt deswegen, dass meine Forschung sich auf die Rezeption der deutschen Literatur bezieht, während die De Glas den Verlag als Betrieb in den Mittelpunkt rückt und Van Voorst die internationale Ausrichtung der Verlage im Allgemeinen erforscht.

 

 

1.8. Material

 

Um bestimmen zu können, wie sich der Prozentsatz an Übersetzungen im Verlagsprogramm der Wereldbibliotheek während ihrer Existenz entwickelt hat, muss über das totale Titelangebot eine Übersicht verschafft werden. Die Rekonstruktion des Verlagsprogramms ermöglicht dessen Charakterisierung und einer Beschreibung dessen Entwicklungen.

Ausgangspunkt bei der Sammlung des Materials bilden zwei alphabetisch geordnete Listen herausgegebener Werke, die die Wereldbibliotheek mir zur Verfügung gestellt hat. Die erste Liste enthält die Ausgaben der Wereldbibliotheek zwischen 1905 und 1974, die zweite Liste die Ausgaben zwischen 1975 und 1994. Die Ausgaben der letzten zehn Jahre sind einer elektronischen Datenbank, von der ich einen Ausdruck bekommen habe, entnommen. Derartige Listen sind oft lückenhaft, und ich prätendiere demnach nicht, dass sie vollständig sind. Jedoch bilden sie einen guten Ausgangspunkt. Wo möglich habe ich die Listen mit Material aus den Archiven der Wereldbibliotheek erweitert oder ausgefüllt. Ich habe das totale Titelangebot der Wereldbibliotheek zwischen 1905 und 2004 gezählt, indem ich alle Titel in das Computerprogramm Excel eingeführt habe. Mittels der Online-Bibliographie namens Picarta habe ich für jeden Titel bestimmt, aus welcher Sprache er stammt.[29] Mittels Picarta habe ich außerdem zusätzliche Informationen über deutsche Übersetzungen gesammelt. Eine Analyse der Titel gibt somit Aufschluss über die Anzahl und Ursprung der Übersetzungen im Laufe der Zeit und vermittelt ein erstes Indiz der Entwicklungen im übersetzten Titelangebot.

Nach der Analyse des Angebots habe ich im Bücherarchiv der Wereldbibliotheek gezielt die deutschen Übersetzungen untersucht, mangelnde Informationen ausgefüllt und mir Vor- und Nachworte und Klappentexte kopiert. Neben dem Bücherarchiv habe ich ein Karteisystem, das Informationen zu Verkaufzahlen, Auflagen und Neuausgaben bis zum Jahre 1976 enthält, benutzen können. Dieses Karteisystem habe ich auf die deutschen Übersetzungen hin untersucht. Für die letzten 20 Jahre (seit 1986) war ein einzelnes Archiv, das Informationen zu Auflagen und Neuausgaben enthält, vorhanden. Auch dieses Archiv habe ich auf die deutschen Übersetzungen hin erforscht. Im gesammelten Material bezüglich Verkaufzahlen, Auflagen und Neuausgaben gibt es eine Lücke, weil Informationen zu den Jahren 1976 bis 1985 fehlen. Während dieser Periode ist die Wereldbibliotheek von anderen Verlagen übernommen, wodurch Archivmaterial nicht leicht auf die Spur zu kommen ist. Das gesammelte Material ist jedoch reichhaltig und vermittelt m.E. ein gutes Bild.

 

 

1.9. Aufbau

 

Im zweiten Kapitel wird der Verlag als Institution beleuchtet. Ich beschreibe die Aufgabe und Rolle des Verlags und stelle dar, wie der Verlag als Betrieb funktioniert. Außerdem wird kurz über die Entwicklung des Verlags im 20. Jahrhundert berichtet. Im dritten Kapitel werde ich auf den historischen Hintergrund der Wereldbibliotheek (die soziale Kulturverbreitung), und die Wereldbibliotheek als Institution eingehen. Besondere Aufmerksamkeit widme ich den ersten Direktoren des Unternehmens: Leo Simons und Nico van Suchtelen. Ich berichte weiterhin über das ursprüngliche Ziel der Wereldbibliotheek und werde die Frage beantworten, ob dieses Ziel tatsächlich erreicht wurde. Kapitel 2 und 3 dienen als Hintergrund zur Analyse, auf die zurückgegriffen werden kann, um Ursachen und Beweggründe aufzudecken. Diesen allgemeinen Kapiteln folgt in Kapitel 4 und 5 die zweigliedrige Analyse des gesammelten Materials. Zunächst wird in Kapitel 4 anhand vom Verlagsprogramm der Wereldbibliotheek zwischen 1905 und 2004 die internationale, kulturelle Ausrichtung der Wereldbibliotheek erforscht. Das 5. Kapitel widmet dem deutschen Übersetzungsangebot besondere Aufmerksamkeit. Die Kapitel 4 und 5 werden mit einer Schlussfolgerung abgeschlossen. Das abschließenden Kapitel lässt sich als allgemeine Schlussfolgerung bezeichnen und berichtet über Motive für Ausgaben.

 

 

2. Forschungsobjekt

 

2.1. Aufgabe und Rolle der Verlage und Verleger

 

Schon jahrhundertelang, eigentlich seit der Erfindung der Buchdruckerkunst, ist der Verlag der wichtigste Verarbeiter und Verbreiter gedruckter Informationen. R.E.M. van den Brink definiert den Verlag als „professionele organisator van inhoud, verveelvoudiging, openbaarmaking en verspreiding van informatie voor voldoende brede, specifieke groepen van afnemers“.[30] Lange Zeit dachte man, dass der Einfluss der Verlage und anderer literarischer Institutionen, wie Literaturkritik und Zeitschriften, auf die Meinungsbildung über Autoren und ihre Werke nicht sehr bedeutsam war. Seit einigen Jahrzehnten hat sich diese Ansicht aber geändert und werden Verlage und andere literarische Institutionen für einflussreich gehalten. Die Funktion der vermittelnden Institutionen im ganzen Prozess der Produktion, Verbreitung und Rezeption eines literarischen Werks wird heutzutage in wissenschaftlichen Studien stark betont. Verlage werden als „co-producenten“ eines literarischen Werks betrachtet.[31]

Die wichtigste Aufgabe des Verlags betrifft nach Susanne Janssen die Selektion der Autoren und Texte. Der Verlag hat eine Schlüsselstellung inne, indem er den Zugang der Autoren und Texte zum literarischen Markt regelt. Der Verlag trifft eine Wahl aus einem umfangreichen Angebot von Manuskripten. De Glas führt die schon zitierte Metapher ‚gate-keepers of ideas’ an, d.h. Torwächter des geistigen Lebens, die entscheiden, welche Texte und Autoren zum literarischen Markt zugelassen und welche ausgeschlossen werden. Mit seiner Auswahl bewertet der Verlag implizit Texte und Autoren und verbreitet diese Auffassungen. Der Verlag erfüllt somit eine kulturtragende Rolle. R.E.M. van den Brink führt in seiner Doktorarbeit einen neuen Begriff ein, mit dem er die Rolle des Verlags in der Auswahl der Texte bezeichnet: „Keuzebepalende Organisatie (KBO)“.[32] Susanne Janssen relativiert zugleich die Aufgabe des Verlags, indem sie bemerkt, dass Verleger von anderen Institutionen und Personen bei ihrer Selektion beeinflusst werden. Beispiele sind literarische Zeitschriften und deren Redakteure, Berater und Kritiker, und die Medien im Allgemeinen. Außerdem muss der Verlag mit seinen Lesern rechnen, und ist er von den wirtschaftlichen Umständen des Markts abhängig.

Bei ihrer Selektion hantieren Verleger Qualitätskriterien. Frank de Glas beschreibt drei Paradoxe, die mit diesen Kriterien zusammenhängen.[33] Erstens hantiert der Verleger Kriterien, während sie zugleich schwer zu spezifizieren sind. Zweitens bestimmen Qualitätskriterien die Wahl der zu veröffentlichen Werke, während erst später deutlich wird, welche Werke wahre und dauerhafte Qualität besitzen. Schließlich basiert die Wahl auf Kriterien, während Verleger zugleich sehr oft die Unvorhersehbarkeit ihrer Arbeit und die Rolle des Zufalls betonen.

Neben der Selektion erfüllt der Verlag nach De Glas einige weitere Funktionen. Der Verleger initiiert und fördert die Herausgaben. Außerdem greift der Verleger in die Manuskripte ein, und kümmert sich aktiv um die Meinungsbildung der Werke und Autoren. Susanne Janssen nennt außerdem die intensiven Kontakte des Verlegers mit verschiedenen Vermittlern. Nach ihr gehen Verleger aktiv auf die Suche nach Texten und Autoren.[34] Zusammenfassend stellt Sandra van Voorst, dass der Verlag, neben anderen Institutionen, einen entscheidenden Beitrag zur Auswahl, Produktion, Verbreitung und somit ebenfalls zur immateriellen Verbreitung kultureller Produkte leistet.[35]

Die Arbeit des Verlegers wird nach Van Krevelen im Laufe des 20. Jahrhunderts immer abstrakter und hat sich vom tatsächlichen Druckprozess gelöst. [36]  Der persönliche Beitrag des Verlegers zum Werk eines Autors wird im 20. Jahrhundert bedeutsamer. Van Krevelen nennt einen Verleger gut, wenn er weiß, wie er das Werk auf geeignete Weise vermarkten kann. Dies steht selbstverständlich mit einem guten Verständnis für den Inhalt des Werks in Zusammenhang. Nach Van Krevelen soll der Verleger das Gleichgewicht zwischen den künstlerischen und intellektuellen Forderungen des Werks einerseits und den kommerziellen Aspekten andererseits bewahren.

Susanne Janssen nennt einige Aktivitäten des Verlegers, welche die Meinungsbildung eines Werks steuern können. Der Verlag wählt eine spezifische Form, mittels deren er das Buch auf den Markt bringt. Er kann das Buch als Taschenbuch anbieten, aber ebenfalls in gebundener Form. Auch kann der Text im Rahmen einer Serie ausgegeben werden. Klappentexte, Anzeigen, Verlagskataloge, Vorträge und Signiersessionen bestimmen ebenfalls die Meinungsbildung eines Textes. Der im Laufe der Zeit erworbene Ruf eines Verlags soll in dieser Hinsicht schließlich auch nicht vergessen werden.[37]

Verschiedene Autoren gehen auf die Kenntnisse und Fertigkeiten, die der Verleger für die Ausübung seines Berufs benötigt, ein. Nach Stanley Unwin muss der Verleger über verschiedene Kenntnisse und Fertigkeiten verfügen.[38] Zunächst muss der Verleger nach ihm die bestehende Literatur zum Thema eines Manuskripts kennen, denn nur wenn er den Hintergrund eines Manuskripts kennt, kann er eine gute Wahl treffen. Dies bedeutet, dass der Verleger eine breite allgemeine Bildung braucht. Nur dann kann er die verschiedenen Disziplinen, auf die sich das Buch beziehen kann, übersehen. Neben diesen Kenntnissen ist das Urteil eines Verlegers sehr wichtig, denn es sorgt dafür, dass der Verleger eine gute Auswahl aus dem großen Angebot von Manuskripten treffen kann. Weiterhin sind nach Unwin technische Kenntnisse bezüglich des Papiers, des Druckens, Bindens usw. erforderlich. Die technischen Kenntnisse müssen außerdem mit Geschmack verbunden sein.[39] Nach der Auswahl und Produktion eines Werks wird das Buch auf den Markt gebracht, und dazu braucht der Verleger Kenntnisse des Buchvertriebs. Da der Verleger viele Abkommen treffen muss und mit dem Urheberrecht zu tun hat, sind auch juristische Kenntnisse für einen Verleger unentbehrlich. Schließlich nennt Unwin ein gutes Gedächtnis, das dem Verleger von Nutzen sein kann. Namentlich die Erinnerung an die Geschichte anderer Bücher ist von Gewicht, denn sie kann viel über den Bedarf an einem neuen Werk voraussagen. Frank de Glas nennt weiterhin Sprachkenntnisse, mittels deren der Verleger auch andere Sprachgebiete in Betracht ziehen kann. Auch auf betriebswirtschaftlichen Kenntnisse kann nach De Glas nicht verzichtet werden.[40] R.E.M. van den Brink schreibt schließlich, dass Verleger sehr kontaktfähig sein müssen. In drei Hinsichten ist nach ihm eine gute Kommunikation von Bedeutung: Erstens in den Beziehungen zu den Autoren, zweitens den Lesern gegenüber, und schließlich ist eine gute Kommunikation innerhalb des Verlags selber wichtig.[41] Diese Auflistung zeigt, dass die benötigten Kenntnisse des Verlegers umfassend sind, denn neben einer großen allgemeinen Bildung muss er sich sowohl im kommerziellen als auch im juristischen Bereich auskennen.

 

Wie mächtig sind Verlage?

Laurens van Krevelen stellt die Frage, ob Verleger eine Machtposition innehaben. Nach ihm kann das Fach eines Verlegers kaum darauf ausgerichtet sein, Macht zu erlangen. Nur in autoritären Staatssystemen wäre dies möglich. Er meint, dass Verleger in gesellschaftlicher Hinsicht Achtung und Ansehen erwerben können, aber keine Macht. Auch schreibt er, dass Autoren letztendlich mächtiger als Verleger sind.[42] Nichtsdestotrotz könne der kulturelle Verlag in einer demokratischen Gesellschaft die gesellschaftliche und kulturelle Debatte fördern, indem der Verlag unabhängig und kritische Autoren zu Wort kommen lässt. Diese Rolle der Verlage werde jedoch immer kleiner, weil wirtschaftliche Mächte und Motive stattdessen bedeutsam werden. Das Wort Macht wird in den vergangen zwei Jahrzehnten immer öfter in Zusammenhang mit Verlagen gebracht. Eine Macht, die sich nicht auf die Verlage selber bezieht, sondern auf die finanzielle Macht deren Aktieninhaber. Für Verlage ist nach Van Krevelen etwas anderes wichtiger als Macht, nämlich Freiheit, was namentlich für die literarischen Verlage gilt.

 

 

2.2. Der Verlag als Betrieb

 

Nach Frank de Glas machen Verleger selber oft einen Unterschied zwischen Verlagen, die von kulturellen Motiven geleitet werden und denen, die von kommerziellen Motiven ausgehen. Verleger prätendieren traditionell, uneigennützige Hüter der Kultur zu sein. Später erfolgt die ‚Entlarvung’ des Verlegers als wäre er nur auf Geld ausgerichtet.[43] Nach De Glas führen solche übertriebenen Betonungen der wirtschaftlichen oder kulturellen Motive des Verlegers zu Simplifizierungen. Er nuanciert das einseitige Bild, indem er das nach Meyer-Dohm charakteristische Merkmal eines Verlags beschreibt: Das Streben nach sowohl kultureller als auch wirtschaftlicher Kontinuität. Dies ist nach Meyer-Dohm für einen Verlag wichtiger als das Erreichen eines baldigen Spitzengewinns.[44] Auch Sandra van Voorst unterscheidet sowohl wirtschaftliche als kulturelle Motive eines Verlags. Sie nennt dies „gezond koopmanschap en selectieve bevlogenheid“, wobei sie überdies vermerkt, dass Verleger sich zwischen Kultur und Vermarktung bewegen.[45] Schließlich relativiert Stanley Unwin das einseitige Bild, das von Verlegern besteht, indem er schreibt, dass Verleger nicht notwendig entweder Philanthropen oder Schurken sind.[46]

Obschon Frank de Glas und Stanley Unwin die häufig angewandte Teilung des Verlagswesens relativieren, wird sie von Van Krevelen interessanterweise neulich wieder aufgenommen. Die Kommerzialisierung der Verbreitungskanäle für Bücher wird nach ihm zu einem größeren Unterschied zwischen Verlagen führen. Einerseits unterscheidet er kommerzielle Verlage, die nur den Massenmarkt bedienen möchten, und andererseits die auf schöpferische Autoren ausgerichteten Verlage, die einen kleineren, literarischen Markt bedienen. Die auf Autoren ausgerichteten Verlage können sich nach ihm nur als unabhängige Unternehmen behaupten, die die kulturelle und intellektuelle Bedeutung des Autors berücksichtigen. Er bemerkt weiterhin, dass Verlage sich auf einer Bruchfläche der Kultur und Wirtschaft bewegen. Mit dieser Bemerkung relativiert er seine scharfe Teilung wieder.

Für den Aufbau des Verlagsprogramms ist nach Susanne Janssen für den Verlag ein gutes Netz von Personen und Institutionen unentbehrlich.[47] Dies gilt besonders für den Erwerb ausländischer Literatur. Die Verleger sind stark von einem solchen Netz, das eine gute Auswahl aus dem ausländischen Angebot treffen kann, abhängig. Die Auswahl muss nämlich gut in das eigene Verlagsprogramm passen. Meyer-Dohm unterscheidet acht unterschiedliche „Bezugsgruppen“, die das Netz des Verlags bestimmen: Die Mitarbeiter des Verlags, die Autoren, die Lieferanten, die Buchhandlung, das Leserpublikum, die konkurrierenden Verlage, die Organisationen im Bücherfach und eine Restgruppe, wozu der Staat, politische Parteien, Kirchen und die Massenmedien gehören. In Bezug auf die Herausgabe der Übersetzungen sind außerdem besonders Übersetzer und Berater von Bedeutung.[48]

Hinsichtlich der Kontinuität sehen Verleger den Aufbau eines kulturell und wirtschaftlich dauerhaften Verlagsprogramms als sehr wichtig an. Das Daueroeuvre eines Autors hält man dabei für sehr wichtig. Auch die Serienformel ist für Verleger im Streben nach Kontinuität von Bedeutung. Schließlich nennt Frank de Glas die richtige Mischung im Verlagsprogramm, was Gattungen, Autoren und Oeuvres angeht. Diese Mischung ist nicht nur kurzfristig in wirtschaftlicher Hinsicht von Bedeutung, sondern wird auch die Dauerhaftigkeit fördern, indem man im Hinblick auf die Zukunft neue Autoren heranbildet und neue Trends aufgreift.[49] Auch Susanne Janssen erwähnt, dass es für einen Verlag sehr wichtig ist, neue, jüngere Autoren zu erwerben. Wenn der Verlag nachhaltig eine bedeutsame Rolle im literarischen Leben eines Landes spielen will, kann er nicht auf den Autorennachwuchs verzichten.[50]

 

 

2.3. Entwicklung des Verlagwesens im 20. Jahrhundert

 

Besonders die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts bildet eine Periode rascher und vielfältiger Entwicklung. Nach 1945 fängt eine Periode der Internationalisierung, Modernisierung, des Bevölkerungs- und Wohlfahrtswachstums an. Außerdem ändern Verstädterung und Industrialisierung die Gesellschaft tief gehend. Die schnell zunehmende Bevölkerung und das höhere Bildungsniveau führen eine steigende Frage nach Informationen herbei.

Auf die Verlags- und Bücherbranche üben die Entwicklungen großen Einfluss aus, wodurch sie sich tief gehend ändert. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind die Verleger auf Markterweiterung ausgerichtet, denn der Markt soll wie die Gesellschaft demokratisiert und die Bücherbranche professionalisiert werden. Produktionsmethoden werden verbessert, wodurch schneller und in größeren Zahlen gedruckt werden kann. Der Markt des allgemeinen Buchs kann mit dem Stichwort ‚Zunahme’ bezeichnet werden. Die Zunahme bezieht sich sowohl auf das Titelangebot (namentlich das Übersetzungsangebot nimmt stark zu) als auch auf die Verkaufzahlen, die sich vervielfältigen. Zwischen 1938 und 1978, in der von Van den Brink untersuchte Periode, verachtfacht sich der Bücherumsatz (für Inflation korrigiert). Nach Van den Brink ist es die Zeit, in der der Verlag sich zu einem vollwertigen Betrieb entwickelt.[51] Es zeigt sich, dass Literatur verkäuflicher wird, wodurch sie immer mehr als Ware behandelt wird. Da hundertausende von Lesern sich für Literatur interessieren, ist erwirbt Literatur außerdem einen Platz in den Massenmedien. Von Autoren wird erwartet, dass sie sich in den Medien vorzuführen wissen, denn ihre Persönlichkeit wird immer mehr in den Mittelpunkt gerückt. Auf dem modernen Büchermarkt werden auch Leser literarischer Werke immer empfänglicher für Trends und publizistische Faktoren. Das Interesse an einem neuen Buch hält sich immer kürzer, wodurch Verleger die meisten herausgegebenen Bücher nur noch kurz vorführen können. Wie Filme und Schauspielstücke wird die kommerzielle Lebensdauer der Bücher immer kürzer. Die Medien kämpfen nach Van den Brink um die beschränkten Einkommen und die karge Freizeit der Konsumenten. Auch Van Krevelen weist darauf hin, denn nach ihm muss die Bücherbranche ihre Position inmitten der anderen Medien verteidigen. Der literarische Markt wird im 20. Jahrhundert demnach allmählich modeempfindlich, kommerziell und massenhaft.[52]

Die vom Staat initiierte Erweiterung des Bibliothekwesens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat einen enormen Einfluss auf den niederländischen Verlag und die Bücherbranche im Allgemeinen ausgeübt. Die staatliche Bibliothekpolitik ist ein großer Erfolg geworden, denn das Buch wird allen Bevölkerungsschichten zur Verfügung gestellt. Dieser Erfolg überschattet den Schaden für den Büchermarkt.[53]

Welche Folgen hat die massenhafte Literaturverbreitung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für die Literatur selber? Die Literatur ist im 20. Jahrhundert Teil einer Massenkultur geworden, in der der Bestseller den Ton angibt, Schriftsteller Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens geworden sind und die Größe des Leserpublikums für den Status des literarischen Werks wichtig geworden ist. Die massenhaft verbreitete Literatur sei nach Van Krevelen „konsumtiv“, und nichtkonsumtiver Literatur werde innerhalb der Massenkultur künftig wenig Raum übrig bleiben.[54] Sie muss deswegen nach neuen Verbreitungsmöglichkeiten suchen.

Fünf Faktoren haben die Arbeit des Verlegers Ende des 20. Jahrhunderts tief greifend beeinflusst. Zunächst üben andere audiovisuelle und elektronische Medien im Bereich der Information, Kultur und Unterhaltung ihren Einfluss aus. Zweitens sorgen digitale Techniken dafür, dass die Herstellung und Verbreitung der Ausgaben sich ändern. Drittens sind die traditionellen Verbreitungskanäle, die Buchhandlung und die Buchgemeinschaft, stark kommerzialisiert. Viertens übt die Kulturpolitik Einfluss auf das Bücherfach aus, z. B. mittels Richtlinien bezüglich der Ausleihung und des Kopierens von Büchern. Schließlich beeinflussen die finanzielle Welt und die Anleger die Betriebsführung der Verlage tief gehend, indem sie namentlich Gewinnwachstum anstreben.

 

Spezifische Entwicklungen der fünfziger, sechziger, siebziger, achtziger und neunziger Jahre

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weist die Bücherbranche einige auffallende Entwicklungen und Innovationen auf. Der Erweiterungstrieb der Verleger führt in den fünfziger Jahren zur Ausgabe vieler Taschenbuchserien, wodurch in der sich ändernden Gesellschaft der Roman sich schnell verbreitet. In den sechziger Jahren wird zeitgenössische Literatur bei erster Ausgabe immer erfolgreicher, was das Phänomen des literarischen Bestsellers introduziert. Die Auflagen der erfolgreichen Bücher aus den sechziger Jahren sind jedoch gering, wenn wir sie mit den heutigen Auflagenzahlen vergleichen. Van Krevelen deutet die Rolle des Beststellers auf dem modernen Büchermarkt positiv, denn er verschafft der Ausgabe kulturell hochwertiger Werke eine finanzielle Grundlage. In den sechziger Jahren entstehen weiterhin Buchgemeinschaften, deren Erfolg für den Verlag und die Buchhandlung ungünstig gewesen ist, denn der Verlag und die Buchhandlung stoßen dadurch auf eine Stockung ihres Markts. Andererseits erreichen die Buchgemeinschaften jedoch ein neues Leserpublikum, was wieder positive Folgen für die Lesekultur hat. In den sechziger und siebziger Jahren ziehen Verlage Nutzen aus den großen Innovationen der grafischen Industrie. Die siebziger und achtziger Jahre kennzeichnen sich durch eine starke Rationalisierung der Verbreitungsstruktur, wobei das „Centraal Boekhuis“ eine große Rolle spielt.[55] Seit den siebziger Jahren werden überdies billige Bücher auch außerhalb des Buchhandels angeboten, zum Beispiel in Supermärkten. In den neunziger Jahren findet schließlich eine weitere Versachlichung statt. Es ist eine Zeit, in der die Freiheit der Verleger, ihre Arbeit kritisch zu erledigen, abnimmt. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts lässt die auf Lesen verwendete Freizeit nach. Kees Schuyt und Ed Taverne geben in ihrer Studie zur niederländischen Kultur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts jedoch einen hoffnungsvollen Ausblick auf das künftige, literarische Leben in den Niederlanden: Obschon das „literaire communicatiesysteem“ in unserer Kultur allmählich weniger bedeutsam wird, bildet es auch jetzt, um die Wende des 21. Jahrhunderts noch immer einen wichtigen und vitalen Teil der Kulturgeschichte.[56]

 

Zukunft

Um 2005 werde nach Van Krevelen ein Übergang zu einer neuen historischen Periode für den allgemeinen Verlag stattfinden. Das Buch in seiner klassischen Gestalt wird nicht verschwinden, sondern es wird zugleich von vollwertig elektronischen Buchvarianten und „boeken op verzoek“, oder „printing on demand“ die Rede sein.[57]Printing on demand“, „document delivery services“ und das Internet stellen fortschrittliche Verbreitungstechniken dar, die jetzt namentlich von wissenschaftlichen Verlagen angewendet werden, aber künftig auch das allgemeine Publikum bedienen werden.[58] Außerdem erwartet Van Krevelen eine Integration der niederländischen und flamischen Büchermärkte.

Nach dem literarischen Verleger Maarten Asscher, der sich vom Verlagswesen abwandte, werden die echten Verleger künftig „eerder behoren tot de wereld van de lezers en schrijvers dan tot die van de gecollectiviseerde [...] informatie- en entertainmentindustrie. [...] Cultuurhistorisch bezien, is die kleinschalige, guerrilla-achige positie wellicht helemaal geen slecht vooruitzicht voor de toekomst van de uitgever als intellectueel beroep“.[59] Van Krevelen schließt sich der Meinung Asschers an, denn nach ihm wäre es für das Verlagswesen günstig, wenn eine Trennung zwischen „uitgeverschap“ und groß angelegten Organisationen, die den Markt bedienen, entstehen würde.[60] Die digitale Technologie ermöglicht nach ihm außerdem einer derartigen Trennung. Nach der Modernisierung, Markterweiterung und Konzentration hofft Van Krevelen auf die Entstehung klein organisierter, schöpferischer und wendiger Verlage, die auf ihre Autoren Rücksicht nehmen. Somit könne der Verlag seine fördernde, kulturelle Rolle wiedererlangen.

 

 

3. Die Wereldbibliotheek: Historischer Hintergrund und allgemeine Charakteristik

 

3.1. Historischer Hintergrund

 

3.1.1. Reformbewegung um 1900

 

Um die Wende des 20. Jahrhunderts kommt eine Bewegung auf, die politische, soziale und kulturelle Reformen anstrebt. Die Bewegung, eine liberale und sozialdemokratisch geprägte Elite, diskutiert die so genannte „sociale kwestie“.[61] Ohne den Kapitalismus zur Diskussion zu stellen, will sie dessen Auswüchse einschränken. Die Bewegung diskutiert ihre Auffassungen in Zeitschriften wie Vragen des Tijds (1875-1930) und Sociaal Weekblad (1887-1911) und will die gesellschaftliche Position der Masse verbessern. Um dies zu erreichen, will sie den Einfluss des Staats vergrößern und die Bildung und Volksentwicklung fördern. Ein Beispiel für politische Reformen betrifft die Erweiterung des Wahlrechts als Voraussetzung für die Emanzipation der Arbeiterklasse, während Erhöhung des Lebensstandards der Arbeiterklasse, Verbesserung der Position der Arbeiter auf dem Arbeitsmarkt und Verbesserung der Gesundheitspflege als Beispiele sozialer Reformen genannt werden können. Die kulturelle Entwicklung der Masse spielt in der Diskussion zunächst eine untergeordnete Rolle, denn politische und soziale Rechte für die Arbeiterklasse betrachtet man als dringender erforderlich. Um die Jahrhundertwende wird eine Reihe von Gesetzen durch das Parlament verabschiedet, die soziale Reformen anstreben. 1901 wird z. B. die Schulpflicht eingeführt, die die Grundlage für eine wesentliche Entwicklung der ganzen Bevölkerung bildet. Soziale Reformen gelten als unentbehrliche Voraussetzungen für eine kulturelle Erhebung des Volks: Neben einer sozialen und politischen Emanzipation wird letztendlich eine kulturelle Erhebung der Volksmasse bezweckt.

Anno 1904 kann nur eine sehr kleine Bevölkerungsgruppe die niederländische Literatur genießen. Die Grundschule bildet für den größten Teil der Bevölkerung die einzige Bildungsmöglichkeit, und das Bibliothekwesen ist im 19. Jahrhundert noch kaum entwickelt. Die kommerziellen Bibliotheken und die Volksbibliotheken der ‚Maatschappij tot Nut van ’t Algemeen’ sind für die niedrigen Bevölkerungsschichten da, aber deren Angebot besteht namentlich aus Unterhaltungsliteratur.[62] Die höheren Klassen verfügen über eigene Lesemuseen und Lesegesellschaften, und lesen kulturell hochwertige Werke. Der Arbeiter kann um die Jahrhundertwende auch Unterhaltungsliteratur im Bahnhofkiosk kaufen. Bibliothek und Bahnhofkiosk bilden die billigsten Weisen, auf die man um die Jahrhundertwende über Bücher verfügen kann, aber ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung kauft selber Bücher. Verschiedene Institutionen streben deswegen eine weitere Entwicklung des Volks an. Die ‚Maatschappij tot Nut van ’t Algemeen’ unternimmt zum Beispiel verschiedene Aktivitäten, in den Städten entsteht um 1890 das „Toynbee-werk“ und die so genannte „Volkshuizen“-Bewegung.[63] Gebildete Bürger versuchen dabei, das Volk an den Errungenschaften der modernen Kultur und Wissenschaft beteiligen zu lassen, indem sie popularisierte Vorträge halten. Örtliche Vereinigungen ergreifen schließlich Initiativen mit Namen wie „Kunst aan het Volk“, „Kunst aan Allen“ und „Voor de Kunst“.[64] Die Vereinigungen organisieren Ausstellungen und Vorträge über namentlich bildende Kunst für das Volk und die Arbeiter.

Außer solchen Initiativen, die sich mit der Volksentwicklung im Allgemeinen befassen, ist die Rede von Initiativen zur Literaturverbreitung unter größeren Teilen der Bevölkerung. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben Verlage von unterschiedlicher Prägung preiswerte Bücherserien in den Niederlanden herausgegeben. Sie tragen Namen wie Volksletterkunde (1851-1876) der Vereinigung „De Vriend van Armen en Rijken“, das Roelants’ Klassiek Letterkundig Pantheon (ab 1853), die Volksbibliotheek (1853-1861) und die Guldens Editie (1858-1882).[65] Die Initiativen sind jedoch kurzweilig geblieben und haben eine beschränkte Verbreitung. Am Anfang des 20. Jahrhunderts werden jedoch zwei Verlage gegründet, die billige Literatur verbreiten wollen. An erster Stelle betrifft dies die ‚Maatschappij tot Verspreiding van Goede en Goedkoope Lectuur’ (1905). „Karakter en omvang“ dieses Verlags bewirken, dass gerade diese Initiative als das wichtigste Beispiel literarischer Kulturverbreitung am Anfang des 20. Jahrhunderts angesehen wird.[66] Der zweite Verlag, der sich für dieses Ziel einsetzt, ist der an der Sozialdemokratie liierte Verlag Ontwikkeling, dessen Name sich später in Ontwikkeling/De Arbeiderspers (1916) ändert.

 

3.1.2. Probleme der sozialen Literaturverbreitung

 

Aus wissenschaftlichen Studien ergibt sich immer erneut, dass die Teilnahme an Kunst und Kultur ungleich über die Bevölkerung verteilt ist. Dies geht auch den Bereich der Literatur an. Diese Problematik nennt Frank de Glas die „problematiek van de sociale kultuurspreiding“, wobei er sich im Rahmen dieser Problematik besonders mit der Literatur befasst.[67]

Die verschiedenen Auffassungen über die soziale Kulturverbreitung führen zu verschiedenen Meinungsunterschieden. An erster Stelle handelt es sich um die Frage, welche Kultur und Literatur verbreitet werden soll. Werden klassische, etablierte Kunstwerke bevorzugt oder eher Unterhaltungsliteratur? Zweitens erhebt sich die Frage, wie Kultur und Literatur verbreitet werden soll. Erhält der Staat in dieser Hinsicht eine Aufgabe? Zum Schluss geht es um die Bestimmung der Zielgruppe, denn ist das Volk als Ganzes für Kultur und Literatur empfänglich? Über diese letzte Frage diskutieren im Jahre 1891 einige Literaturwissenschaftler in den Zeitschriften De Nieuwe Gids (1886-1943) und De Kroniek (1895-1907). Die Literaturwissenschaftler debattieren nämlich über das Verhältnis zwischen Kunst und Sozialismus. An der Debatte beteiligen sich namhafte Persönlichkeiten wie Frank van der Goes, Willem Kloos, Frederik van Eeden und Lodewijk van Deyssel. Sie fragen sich, ob es möglich und erwünscht sei, dem ganzen Volk Literatur und Kunst zur Verfügung zu stellen. Die Gründung der Wereldbibliotheek im Jahre 1905 bildet einen ersten Markstein in der Debatte.

In den Niederlanden stoßen die Initiativen zur Kulturverbreitung am Anfang des 20. Jahrhunderts auf ein weiteres Problem: Die so genannte „verzuiling“.[68] Dieser Begriff weist auf eine Entwicklung in den Niederlanden hin, in der unterschiedliche weltanschauliche Gruppen sich eigene politische und gesellschaftliche Organisationen verschaffen. Somit entstehen in der Gesellschaft relativ geschlossene Gruppen, wobei die katholische, protestantische, sozialdemokratische und liberale Richtungen die größten ‚zuilen’ darstellen. Die ‚verzuiling’ erschwert die soziale Literaturverbreitung.

Außer der ‚verzuiling’ nennt Frank de Glas zwei Hauptprobleme der Literaturverbreitung.[69] Erstens sollen die neuen Leser aus der Arbeiterklasse die angebotenen Bücher lesen können, lesen wollen, erreichen können und zahlen können. Zweitens sollen die angebotenen Bücher durch die literarische Kritik und andere literarische Institutionen akzeptiert werden, d.h. das Angebot soll literarisch wertvoll sein. Kurz zusammengefasst bedeutet dies, dass die soziale Kulturverbreitung zwei Ziele nachstreben soll, nämlich eine soziale Verbreitung wertvoller Kultur. Das größte Problem besteht nun darin, dass der kulturelle Geschmack der Masse nicht mit den Normen der elitären Literaturkritiker übereinstimmt. Außerdem widersetzt das kulturell hochwertige Angebot sich einer massiven Verbreitung. Somit entsteht nach De Glas Zweifel an die „principiële verbindbaarheid van ‚kulturele kwaliteit’ en ‚massale afzet’“.[70]

 

3.1.3. Hintergründe des Kulturverbreitungsgedankens

 

Frank de Glas beschreibt anhand von dem Werk L’éducation ouvrière et le livre. De la Révolution à la Libération (1982) des Franzosen Richter die Ideengeschichte, die hinter dem Streben nach Kulturverbreitung steckt.[71] Drei Strömungen werden unterschieden. Die erste Strömung hält die Volksentwicklung mittels Literaturverbreitung für sinnlos und sogar schädlich, denn das Volk könnte dadurch zur Revolte angespornt werden. Dieser Gedanke wird von Bürgern im 19. Jahrhundert vertreten. Eine zweite Strömung vertritt die Ansicht, dass Literaturverbreitung nützlich sei, weil die Masse erhoben und somit besser gesteuert werden kann. Schließlich wird die Auffassung gehegt, dass Literaturverbreitung an sich gut sei. Es handelt sich dabei nicht um die Verbreitung praktischen Wissens, sondern um Kunst- und Literaturverbreitung. Diese Auffassung wird von progressiv liberalen Intellektuellen, progressiv römisch-katholischen Leitern und Sozialisten vertreten.[72]

In den Initiativen zur Kultur- und Literaturverbreitung unter dem Volk sind unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt worden. Namentlich die Art der zu verbreitenden Literatur ist ein Streitpunkt gewesen. Die bürgerliche Volksentwicklungsbewegung bezweckt, die etablierten Kunstformen einem neuen und ungebildeten Publikum zugänglich zu machen. Vereinigungen wie ‚Kunst aan het Volk’ und ‚Kunst aan Allen’ streben dieses Ziel an, wobei der Schwerpunkt auf der bildenden Kunst liegt. Die sozialistische Bewegung dagegen betrachtet Volksentwicklung und Kulturverbreitung als Mittel zur politischen und sozialen Emanzipation der Arbeiterklasse. Nach dieser Bewegung gehe es nicht um eine Erhebung des Volks zu etablierten Kunstformen, sondern sollte um die Schöpfung einer neuen Kunst und Literatur. Die zu verbreitende Literatur sollte namentlich die Interessen der Arbeiterklasse berücksichtigen, d.h. dass sie ihre Themen aufgreift und ihre Künstler zu Wort kommen lässt.

 

3.1.4. Ausblick

 

Die massenhafte Verbreitung des Buchs wird als die wichtigste kulturelle Revolution der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts angesehen. Erst in den siebziger und achtziger Jahren finde in den Niederlanden nach Van Krevelen die wirkliche Popularisierung des Buchs statt, weil Buchgemeinschaften und Bibliotheken ein großes Publikum zu erreichen wissen. Das Ende des 20. Jahrhunderts könne nach Van Krevelen eine Zeit literarischer Blüte genannt werden, weil die Zahl der ausgegebenen literarischen Werke, der literarischen Gattungen und der verkauften und ausgeliehenen Literatur noch nie so hoch gewesen ist. Überdies werden den Schriftstellern in den Medien viel Aufmerksamkeit gewidmet und ist eine Literaturwissenschaft entstanden.

 

 

3.2. Die Wereldbibliotheek: Allgemeine Charakteristik

 

3.2.1. Gründung und Ziele der Wereldbibliotheek

 

Die Gründung der ‚Maatschappij tot Verspreiding van Goede en Goedkoope Lectuur’ im Jahre 1905 muss vor dem Hintergrund der sozialen Reformbewegung um die Wende des 20. Jahrhunderts betrachtet werden. Leo Simons und Gérard Schreuder gründen den Verlag nach dem Beispiel von billigen Bücherserien, die im Ausland erscheinen. Beispiele dieser Bücherserien sind „Everyman’s Library“ in England, „Reklam Universal-Bibliothek“ in Deutschland und „Bibliothèque Nationale“ in Frankreich.[73]

Das von Simons und Schreuder gegründete Unternehmen bezweckt - der Name zeigt es schon auf - (internationale) Qualitätsliteratur gegen relativ niedrige Preise auf den Markt zu bringen. Die Wereldbibliotheek will die billigen Bücher besonders unter einem neuen Publikum, das vorher kaum an der Lesekultur teilhatte, verbreiten. Dabei hat der Verlag die Mittelschicht (Lehrer, Beamte, kleine Unternehmer), die Arbeiterklasse und das Land vor Augen. Simons fühlt sich mit der Reformbewegung zur Volksentwicklung und Kulturverbreitung verbunden, und will die Volksentwicklung mittels Verbreitung des Buchs unter der Masse fördern. Im Ausgangspunkt der Wereldbibliotheek ist der Gedanke wesentlich, dass Kunst und Kultur von jeher zu Unrecht nur für eine kleine Elite verfügbar sind. Nach Simons soll das Buch billiger werden und soll man sich aktiv für die Verbreitung des Buchs unter breiten Bevölkerungsschichten einsetzen. Simons beabsichtigt mit seiner Initiative, die ganze Bevölkerung zu erreichen und widersetzt sich dem kleinen und exklusiven Leserpublikum:

 

Men beschouwt tot nog toe het kennisnemen en lezen van boeken te veel als het werk van een besloten kringetje, zonder dat er erg veel moeite gedaan wordt, dat kringetje uit te breiden. Dat er veel meer (...) belangstellenden en eventueel koopers te vinden zijn, als men ze maar benadert, bewijst het succes van enkele (...) uitgaven.[74]

 

Simons nennt sein Streben denn auch eine „democratiseering van het boek“.[75]

Die Wereldbibliotheek will von Anfang an mehr als nur ein Bücherbetrieb sein und betrachtet Bücher nicht nur als Handelsware. Da der Verlag keinen maximalen Gewinn anstrebt, nennt Simons den Betrieb „semi-kapitalistisch“.[76] Die Verbreitung guter und billiger Lektüre dient namentlich einem ideellen Zweck. Simons schreibt, dass die Wereldbibliotheek ein „hooger doel“ nachstrebt.[77] Unter diesem höheren Ziel muss die Volksentwicklung verstanden werden. Die Wereldbibliotheek sieht es als ihre Aufgabe an, Literaturverbreitung unter einem neuem Publikum nachzustreben: Simons nennt die Verbreitung des Buchs eine „cultuurtaak“.[78] Er hält es denn auch für unerwünscht, dass Arbeiter sich bei den Bibliotheken Bücher niedrigen Niveaus ausleihen. Solche Literatur bietet nach ihm nichts Wesentliches. Autoren wie z. B. Vondel, Multatuli und G.B. Shaw können nach seiner Meinung ihr Leserpublikum dagegen geistig entwickeln. Nach ihm ist „de ware hoogeschool van onzen tijd (...) een verzameling boeken“.[79]

In der Werbung Anfang des 20. Jahrhunderts drückt die Wereldbibliotheek ihre Ziele folgendermaßen aus:

 

WAT WIL DE WERELDBIBLIOTHEEK?

Wij willen de kracht, de levensvreugde, de geestelijke cultuur van ons volk verhogen.

Wij willen kunst en kennis, inzicht en wetenschap brengen aan allen die naar verrijking van gemoed en geest streven.

Wij willen bij allen die gedachteloos voortleven in een moeilijk maatschappelijk bestaan, de liefde doen ontwaken tot een hoger leven door zelfontwikkeling.

Wij willen opvoeden tot vrij, zelfstandig voelen en denken. Wij willen allen de toegang openen tot „het boek“, tot de „Universiteit onzer dagen“.

Wij willen de gelegenheid bieden zich langzaam maar zeker te omringen met een steeds aangroeiende geestelijke schat, waaruit zij altijd nieuwe levenskracht en frisse levensmoed putten.

Wij willen het boek brengen aan heel het volk.

 

Und in der Werbung im Jahre 1913 heißt ihr Ziel: „iedereen in staat te stellen zich geleidelijk een eigen boekerij te vormen: de beste werken der wereldliteratuur uit te geven, zoo goedkoop en smaakvol, dat men ze voor weinig geld kan maken tot een lief bezit“.[80] Die Bezeichnungen „ons volk“, „heel het volk“ und „iedereen“ weisen auf das neue Publikum hin, das die Wereldbibliotheek erreichen will.

Aus dem Angebot der Anfangsjahre wird das Streben nach allgemeiner Entwicklung der Masse in vier Hinsichten ersichtlich. Erstens bietet die Wereldbibliotheek ältere Klassiker der niederländischen Literatur und der Weltliteratur an, zweitens gibt sie ein diverses Angebot aus der modernen Literatur und über die moderne Literatur aus, drittens veröffentlicht sie Schriften, die für unterschiedliche Weltanschauungen exemplarisch sind, und schließlich enthält das Angebot Einführungen in verschiedene Disziplinen. Frank de Glas nennt diese Arbeitsweise kurz „distributie en popularisering van het gevestigde cultuurgoed“.[81]

 

Vielseitigkeit

Simons hat bei der Gründung der Wereldbibliotheek vor, eine Serie preiswerter Bücher „van een veelomvattende verscheidenheid“ auszugeben.[82] Simons nennt dies „wijd-geopende vensters naar alle kanten“.[83] Die Wereldbibliotheek erstrebt, die geschlossenen sozialkulturellen Verhältnisse in den Niederlanden zu durchbrechen, indem sie im Verlagsprogramm unterschiedliche, weltanschauliche Richtungen an die Reihe kommen lässt. Simons drückt die offene Haltung der Wereldbibliotheek folgendermaßen aus: „We maken geen propaganda voor iets; we maken geen propaganda tegen iets! – dan alleen tegen geestesengheid en vóór verruiming van levensinzicht; vóór kennis ook van de meest tegenstrijdige openbaringen“.[84] Deswegen sind im Verlagsprogramm der Wereldbibliotheek Autoren unterschiedlichster Prägung vertreten.

De Glas nennt sechs Rubriken im Bereich der Fiktion und Nichtfiktion, welche die Wereldbibliotheek vor Augen hat: Literatur, Bücher für Jugendliche, eine dramatische Bibliothek, Land- und Völkerkunde, Geschichte und Soziologie. Die Pläne im Bereich der erzählenden Prosa und der Literatur beziehen sich vor allem auf ältere Werke. Dazu gehören namentlich Klassiker der Weltliteratur und Werke niederländischer Autoren, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind. Der Grund dafür, dass in den Anfangsjahren vor allem ältere Werke ausgegeben werden, liegt darin, dass das Urheberrecht für diese Werke nicht mehr gilt. Eine Herausgabe ist demnach nicht sehr kostbar. Außerdem hat Simons eine besondere Vorliebe für ältere Literatur, wie er in einem Vortrag zeigt:

 

Het zijn die oudere boeken, die ons kijken openen op het verleden. En die ons, als we al te geneigd mochten zijn in zelfverheffing te glimlachen over dien goeden ouden tijd, waarschuwen hoe het nageslacht wellicht zal glimlachen over ons en onze weinig gerechtvaardigde zelfvoldaanheid. [85]

 

Die ersten Ausgaben der Wereldbibliotheek betreffen die alten Klassiker De historie van mejuffrouw Sara Burgerhart (1905) des Autorinnenpaars Betje Wolff und Aagje Deken und Max Havelaar (1907) von Multatuli. Diese Ausgaben führen zu einem überraschenden Erfolg.

Das Verlagsprogramm der ersten Jahrzehnte deckt die von der Wereldbibliotheek angestrebte Vielseitigkeit auf. Der Bestand der Nichtfiktion enthält Titel, die eine große Anzahl von Bereichen berücksichtigen. Die Werke sind sowohl praktisch als auch theoretisch geprägt, und Bücher zu den neuesten Entwicklungen verschiedener Disziplinen und zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen sind vertreten. Das Programm enthält weiterhin viele kultur- und literaturkritische Werke. Im Bereich der Fiktion sind die Gattungen Prosa, Lyrik und Drama von Bedeutung. Ein beträchtlicher Teil der Titel stammt aus dem klassischen und moderneren Kanon sowohl der niederländischen Literatur als auch der Weltliteratur.

Die Wereldbibliotheek bietet den römisch-katholischen Lesern Dichter wie Vondel, Thomas à Kempis und J.A. Alberdingk Thijm. Den protestantischen Kreis wird mit Dichtern wie Felix Ortt, D. Drijver und C.E. Hooykaas bedient. Bilderdijk, Busken Huet, Potgieter, De Genestet, Beets, Bosboom-Toussaint, Heye und Van Schendel vertreten die niederländische, literarische Tradition. Die jüdische Richtung wird u.a. von Jacob Israël de Haan und Is. Querido ausgefüllt. Auch die sozial