Die Übersetzung deutscher attributiv gebrauchter Partizipialkonstruktionen ins Niederländische. Eine Analyse und ein Vergleich anhand von fünf deutschen Romanen und deren niederländischen Übersetzungen. (Arno de Jonge)

 

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2 Deutsche attributiv gebrauchte Partizipialkonstruktionen und deren niederländische Entsprechungen

 

2.1 Einleitung

 

In diesem Kapitel wird an erster Stelle die Beschaffenheit deutscher attributiv gebrauchter Partizipialkonstruktionen zur Sprache gebracht. Ich werde dem Leser anhand konkreter Beispiele erklären, wie diese Konstruktionen aussehen und welche Unterscheidungen und Aspekte hinsichtlich deren Erkennung wichtig sind. Dabei wird besonders die Frage, ob wir es in einem bestimmten Fall mit einem Partizip oder einem Adjektiv zu tun haben, Beachtung finden. An zweiter Stelle werde ich mich auf der Basis der vorhergehenden Besprechung in den fünf von mir ausgewählten deutschen Romanen auf die Suche nach den betreffenden Partizipialkonstruktionen machen, wobei jedem Roman fünfzig Partizipialkonstruktionen entnommen werden. Dabei beziehe ich zugleich die niederländischen Übersetzungen der deutschen Romane mit ein, um herauszufinden, welche Textelemente den deutschen attributiv gebrauchten Partizipialkonstruktionen entsprechen. Zur Einführung meiner Suche in Original und Übersetzung werde ich kurz einiges über die deutschen Romane, deren Autoren sowie deren Übersetzer sagen.

 

 

2.2 Deutsche attributiv gebrauchte Partizipialkonstruktionen

 

2.2.1 Eine allgemeine Kategorisierung

 

Ein Verb kennt normalerweise finite und infinite Formen. Finite Verbformen können anhand der verbalen Kategorien ‚Tempus‘ (‚Zeit‘), ‚Genus Verbi‘ (‚Handlungsform‘), ‚Modus‘ (‚Aussageweise‘), ‚Person‘ und ‚Numerus‘ (‚Zahl‘) charakterisiert werden (Wermke u.a. 1998: 113-114). Betrachten wir folgenden Beispielsatz:

(1) Max schreibt einen Aufsatz.

 

In diesem Beispiel ist schreibt die finite Verbform, und zwar mit den Merkmalen ‚3. Person‘, ‚Singular‘, ‚Indikativ‘, ‚Präsens‘ und ‚Aktiv‘. Je nach der Gestaltung und der Bedeutung (Funktion) des Satzes werden diese Merkmale variieren. Andere mögliche Verbformen sind:

 

(2) Max schrieb einen Aufsatz.

(3) Wir schreiben einen Aufsatz.

 

In (2) hat sich das Präsens in das Präteritum schrieb verändert, während in (3) statt der 3. Person Singular die 1. Person Plural schreiben verwendet worden ist. Infinite Verbformen dagegen können nicht anhand oben stehender verbaler Kategorien charakterisiert werden. Es lassen sich drei infinite Verbformen unterscheiden, nämlich der Infinitiv, das 1. Partizip (Präsenspartizip oder Mittelwort der Gegenwart) und das 2. Partizip (Perfektpartizip oder Mittelwort der Vergangenheit) (Wermke u.a. 1998: 189).

 

(4) Max wird einen Aufsatz schreiben.

(5) Ein schreibender Max ist glücklich.

(6) Max hat einen Aufsatz geschrieben.

 

In (4) ist schreiben der Infinitiv, in (5) ist schreibender das 1. Partizip und in (6) ist geschrieben das 2. Partizip. Für uns sind die beiden letzten Verbformen, also das 1. und das 2. Partizip, wichtig, weil mit diesen Formen die Partizipialkonstruktionen gebildet werden. Bevor wir uns mit den Partizipialkonstruktionen beschäftigen werden, folgen erst kurz einige Bemerkungen zur Bildung des 1. und 2. Partizips.

 Das deutsche 1. Partizip wird gebildet, indem man dem Verbstamm die Endung -end oder bei Verben auf -eln und -ern die Endung -nd hinzufügt: mach-end, meld-end, schreib-end, handel-nd, wander-nd (Wermke u.a. 1998: 190). Einer anderen Art des Erklärens nach ist das 1. Partizip regelmäßig vom Infinitiv abgeleitet: schreiben-d, handeln-d, wandern-d (Eisenberg 1998: 193). Die Bildung des 2. Partizips sieht in der Regel folgendermaßen aus: bei den regelmäßigen Verben durch das Präfix ge- und die Endung -t oder -et, bei den unregelmäßigen Verben durch das Präfix ge- und die Endung -en: ge-mach-t, ge-meld-et, ge-handel-t, ge-wander-t, ge-schrieb-en (Wermke u.a. 1998: 191). In anderen Worten heißt es, dass bei den starken Verben das 2. Partizip durch Präfigierung der Form des Infinitivs mit ge- gebildet wird, meist allerdings mit abgelautetem Vokal, wie ge-schrieben, und dass bei den schwachen Verben ge- präfigiert und gleichzeitig aber -t suffigiert, wie ge-mach-t (Eisenberg 1998: 194).

 In Kapitel 1 habe ich angegeben, dass unter Partizipialkonstruktionen Konstruktionen verstanden werden, die aus mindestens einem Partizip bestehen, das durch zusätzliche Glieder erweitert werden kann. Syntaktisch kann zwischen attributiv und nicht attributiv gebrauchten Partizipialkonstruktionen unterschieden werden (Helbig/Buscha 1991: 661-662). Der grundsätzliche Unterschied ist, dass sich attributiv gebrauchte Partizipialkonstruktionen immer auf ein Substantiv oder ein substantivisches Pronomen beziehen, während sich nicht attributiv gebrauchte Konstruktionen nach dem Verb des übergeordneten Satzes richten:

 

(7) Jari, in den Niederlanden geboren, hat vor kurzem einen Aufsatz auf Deutsch geschrieben. (attributiv)

(8) Jari, aus der Schule nach Hause gekommen, machte sofort seine Hausaufgaben. (nicht attributiv)

 

Da das Deutsche nicht über morphosyntaktische Mittel verfügt, d.h. keine morphologischen Mittel hat, um syntaktische Merkmale wiederzugeben (Bußmann 1990: 507), muss man zur Unterscheidung auf folgende topologische und semantische Eigenschaften als Kriterien zurückgreifen (Helbig/Buscha 1991: 662-664):

 

· Stellung und Stellungsfestigkeit: Attributiv gebrauchte Partizipialkonstruktionen sind keine selbständigen Satzglieder und können folglich die erste Stelle im Hauptsatz, wenn es ein Aussagesatz ist, ohne Bedeutungsveränderung nicht allein einnehmen, während das bei nicht attributiv gebrauchten Partizipialkonstruktionen kein Problem ist;

· Kontakt: Attributiv gebrauchte Partizipialkonstruktionen haben zumeist direkten, in seltenen Fällen indirekten Anfangskontakt mit einem Substantiv, nicht attributiv gebrauchte Partizipialkonstruktionen haben dagegen (fakultativen) End- oder Anfangskonktakt mit dem Verb des übergeordneten Matrixsatzes;

· Paraphrasierbarkeit: Attributiv gebrauchte Partizipialkonstruktionen können ohne Bedeutungsveränderung durch einen attributiven Relativsatz, nicht attributiv gebrauchte Partizipialkonstruktionen durch einen expliziten konjunktionalen Nebensatz oder durch eine Präpositionalgruppe mit entsprechender Präposition paraphrasiert werden;

· Kongruenz semantischer Merkmale: Bei einer attributiv gebrauchten Partizipialkonstruktion muss zwischen ihr und dem entsprechenden Substantiv semantische Beziehungen der Kongruenz semantischer Merkmale bestehen, ebenso zwischen einer nicht attributiv gebrauchten Partizipialkonstruktion und dem Verb des übergeordneten Satzes.

 

Wenn wir z.B das erste Kriterium auf die Beispiele (7) und (8) anwenden, bilden sich folgende Sätze:

 

(9) *In den Niederlanden geboren, hat Jari vor kurzem einen Aufsatz auf Deutsch geschrieben.

(10) Aus der Schule nach Hause gekommen, machte Jari sofort seine Hausaufgaben.

 

Dass aus der Schule nach Hause gekommen in (8) nicht attributiv gebraucht wird, geht aus der Tatsachte hervor, dass es nicht stellungsfest ist und dadurch auch die Stelle vor dem finiten Verb einnehmen kann, wie in (10) gezeigt wird. In den Niederlanden geboren in (7) kann diese Stelle nicht einnehmen; die Verschiebung in (9) führt zu einem grammatikalisch inkorrekten Satz. In diesem Fall ist denn auch von einer attributiv gebrauchten Partizipialkonstruktion die Rede. Es gibt allerdings Fälle, in denen eine Partizipialkonstruktion doppelt interpretiert werden kann, also sowohl eine attributive als auch eine nicht attributive Interpretation zulässt. Man nehme den Beispielsatz:

 

(11) Jari, sowohl zu Hause als auch in der Schule vernachlässigt, fühlte sich sehr einsam.

 

Dieser Satz kann anhand des Kriteriums ‚Kontakt‘ so umgeschrieben werden, dass die Partizipialkonstruktion einerseits Anfangskontakt mit dem Substantiv (attributiver Gebrauch), andererseits Endkontakt mit dem Verb (nicht attributiver Gebrauch) hat:

 

(12) Jari, der sowohl zu Hause als auch in der Schule vernachlässigt wurde, fühlte sich sehr einsam. (attributiv)

(13) Sowohl zu Hause als auch in der Schule vernachlässigt, fühlte Jari sich sehr einsam. (nicht attributiv, kausal)

 

Welche Interpretation man in einem solchen Fall wählen soll, hängt völlig vom Kontext ab. Für die Bestimmung der konkreten attributiv gebrauchten Partizipialkonstruktionen in dieser Arbeit bedeutet das Vorhergehende, dass in Zweifelsfällen die genannten topologischen und semantischen Merkmale als Kriterien angewendet werden. Sollte dann noch Unklarheit bestehen, werden sie nicht als attributiv gebrauchte Partizipialkonstruktionen betrachtet.

 In (11) ist die Rede von einer attributiv gebrauchten Partizipialkonstruktion, die hinter dem die Konstruktion bestimmenden Substantiv, dem Bezugswort, steht. Die meisten attributiv gebrauchten Partizipialkonstruktionen stehen jedoch vor dem Substantiv. Dabei können drei Arten von Konstruktionen unterschieden werden (Wermke u.a. 1998: 190-192):

(14) Eine spielende Luca erfreut uns.

(15) Luca ist ein zu respektierendes Mädchen.

(16) Eine beleidigte Luca sitzt auf dem Stuhl.

 

In (14) besteht die Partizipialkonstruktion aus dem 1. Partizip spielende. Auch in (15) kommt ein 1. Partizip vor, nämlich respektierendes, nur geht dem die Konjunktion zu voran. In diesem Fall spricht man von einem Gerundivum. Das Gerundivum ist eine spezielle Art des attributiv gebrauchten 1. Partizips; es drückt eine Notwendigkeit oder eine Möglichkeit aus. In (16) wird die Partizipialkonstruktion durch das 2. Partizip beleidigte gebildet. Mit anderen Worten, die drei Arten von attributiv gebrauchten Partizipialkonstruktionen haben als Kern ein 1. Partizip, ein Gerundivum oder ein 2. Partizip.

 Ein anderer wichtiger Punkt betrifft die Frage, was für Partizipien in attributiv gebrauchten Partizipialkonstruktionen auftreten können. Die Antwort auf diese Frage lautet (Wermke u.a. 1998: 192-194):

 

· alle 1. Partizipien im normalen Fall: Luca schläft Þ die schlafende Luca;

· die 1. Partizipien transitiver Verben im Falle des Gerundivums: Luca erkennt die Leistung an Þ die anzuerkennende Leistung;

· die 2. Partizipien transitiver Verben: der Lehrer prüft Luca Þ die geprüfte Luca;

· die 2. Partizipien intransitiver Verben, die die vollendeten Zeitformen mit sein bilden und eine perfektive Bedeutung haben: Luca ist untergetaucht Þ die untergetauchte Luca;

· die 2. Partizipien intransitiver Verben, die die vollendeten Zeitformen mit sein bilden, eine durative Bedeutung haben, aber durch den Kontext perfektiv geworden sind: Luca ist nach Hause gelaufen Þ die nach Hause gelaufene Luca. Nicht korrekt ist demnach *die gelaufene Luca.

 

Die oben genannten Unterscheidungen und Aspekte können folgendermaßen in einer Tabelle wiedergegeben werden:

 

Tabelle 1: Unterscheidungen und Aspekte in Bezug auf deutsche attributiv gebrauchte Partizipialkonstruktionen

Aspekte

Unterscheidungen

simpel

komplex

vor

hinter

vor

hinter

 

P1 normal

 

1a

 

1b

 

1c

 

1d

 

P1 Gerundivum

 

2a

 

2b

 

2c

 

2d

 

P2 transitiv

 

3.1a

 

3.1b

 

3.1c

 

3.1d

 

P2 intransitiv 1

 

3.2a

 

3.2b

 

3.2c

 

3.2d

 

P2 intransitiv 2

 

 

 

3.3c

 

3.3d

 

Auf der linken Seite der Tabelle stehen die fünf Kategorien von Partizipien, die in Partizipialkonstruktionen auftreten können. Der erste Punkt, worin sich diese Kategorien voneinander unterscheiden, beinhaltet die Zusammensetzung: Die Partizipialkonstruktion besteht entweder einzig und allein aus einem Partizip (in der Tabelle mit ‚simpel‘ bezeichnet) oder aus einem Partizip (eventuell mehreren Partizipien), dem (denen) eine oder mehrere Bestimmungen hinzugefügt worden sind (mit ‚komplex‘ bezeichnet). Für Kategorie ‚P2 intransitiv 2‘ gilt, dass die Partizipialkonstruktion nicht simpel sein kann, weil mindestens eine nähere Bestimmung notwendig ist, um dem durativen 2. Partizip eine perfektive Bedeutung zu geben. Zwei Zellen können demnach keine Werte beigemessen werden und das wird in der Tabelle mit einem Kreuz angegeben. Der zweite Unterscheidungspunkt betrifft die Stelle der Partizipialkonstruktion: entweder vor oder hinter dem Substantiv oder dem substantivischen Pronomen. Dieser Aspekt tritt in den Bezeichnungen ‚vor‘ und ‚hinter‘ zutage. Jede mögliche Kombination, die auf der Basis der unterschiedlichen Unterscheidungen und Aspekte auftreten kann, hat in der Tabelle eine eigene Markierung bekommen. So steht die Markierung ‚3.2c‘ für eine attributiv gebrauchte Partizipialkonstruktion, die erstens aus einem oder mehreren Partizipien und aus einer oder mehreren Bestimmungen besteht, die zweitens vor dem Substantiv oder dem substantivischen Pronomen steht und worin drittens das Partizip oder die Partizipien von einem Verb abstammen, das das Partizip mit sein bildet und eine perfektive Bedeutung hat. Ich werde nun oben stehende Tabelle in Paragraph 2.3 verwenden, um die attributiv gebrauchten Partizipialkonstruktionen, die in den Originaltexten vorkommen, zu kategorisieren. Bevor ich dazu übergehe, muss allerdings erst ein Problem, dessen Lösung für diese Arbeit sehr wichtig ist, geklärt werden. Was das Problem beinhaltet und wie die konkrete Klärung aussieht, ist das Thema des nächsten Paragraphen.

 

2.2.2 Partizip oder Adjektiv?

 

Partizipien werden in der Literatur häufig als Mittelwörter bezeichnet (Marillier 1994: 19). Mit diesem Terminus wird angegeben, dass sie Elemente sind, die sowohl am Verb wie am Adjektiv bzw. am Nomen teilhaben und zwischen beiden Klassen in der Mitte stehen. Eisenberg behauptet, dass „die Bindung an das Verb einerseits und das Adjektiv andererseits seit jeher das Analyseproblem für die Partizipien darstellt, und daran hat sich bis heute nichts geändert“ (Eisenberg 1998: 283). Offenbar ist eine endgültige, eindeutige Lösung dieses Problems immer noch nicht gefunden und bleibt die Frage der Kategorisierung von Partizipien eine heikle. Eine eingehende Analyse dieser Frage sprengt den Rahmen der Arbeit. Es spricht allerdings für sich, dass es notwendig ist, eindeutig, jedenfalls so eindeutig wie möglich, feststellen zu können, ob wir es in einem bestimmten Fall mit einem Partizip zu tun haben oder nicht. Mit anderen Worten, ob ein Partizip oder ein Adjektiv vorliegt. Deswegen werde ich bezüglich der Frage der Kategorisierung von Partizipien diejenigen Aspekte zur Sprache bringen, die für die Unterscheidung zwischen Partizip oder Adjektiv eine wichtige Rolle spielen.

 Betrachten wir folgende zwei Beispielsätze:

 

(17) Die ihren Bruder reizende Luca ist zu Hause.

(18) Die sehr reizende Luca ist zu Hause.

 

In beiden Beispielsätzen wird auf den ersten Blick das 1. Partizip reizende verwendet. In (17) ist reizende tatsächlich ein attributiv gebrauchtes 1. Partizip: Es hat alle semantischen Eigenschaften des Verbs reizen – in der Bedeutung ‚provozieren‘, ‚ärgern‘ – behalten und der Satz kann folglich ohne Bedeutunsunterschied in Luca reizt ihren Bruder transformiert werden. Aus dem 1. Partizip reizend hat sich allerdings ein Adjektiv mit der Bedeutung ‚sehr hübsch‘, ‚sehr angenehm‘ entwickelt und diese Bedeutung findet sich in (18) zurück. Dass reizende in diesem Satz ein Adjektiv ist, geht aus der Transformation Luca ist sehr reizend hervor. Hier ist reizend Prädikatsnomen, eine Funktion, die das 1. Partizip reizend in der Bedeutung ‚provozieren‘, ‚ärgern‘ nicht haben kann. Ein Satz wie *Luca ist ihren Bruder reizend ist demnach grammatikalisch nicht korrekt. Im Allgemeinen kann man sagen, dass es 1. und 2. Partizipien gibt, die durch Bedeutungsdifferenzierung, inhaltliche Verselbständigung oder durch das Absterben der übrigen Konjugationsformen des entsprechenden Verbs eine selbständige Bedeutung bekommen haben und dadurch keine Partizipien mehr sind, sondern richtige Adjektive (Wermke u.a. 1998: 193-194). Viele Partizipien haben nämlich den Übergang zu den Adjektiven vollzogen und sind als solche lexikalisiert, d.h. sie erfordern einen vom zugrundeliegenden Verb unabhängigen Lexikoneintrag (Lenz 1993: 42). Für diese Arbeit nun gilt, dass ein der Form nach attributiv gebrauchtes 1. oder 2. Partizip als Adjektiv betrachtet wird, wenn es in der betreffenden Bedeutung als eigenständiges Lemma im Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in acht Bänden (1993) vorkommt. Ich nenne diese Vorgehensweise das Kriterium der Lexikalisierung.

Wenn das Kriterium der Lexikalisierung nicht zutrifft, werde ich das so genannte Kriterium der Präfigierung mit un- anwenden (Lenz 1993: 40). Partizipien können sowohl adjektivisch als auch verbal sein, aber nicht beides gleichzeitig. Daneben gilt, dass im heutigen Deutsch das Präfix un- sich nicht mit Verben verbindet und sich nicht mit bestimmten Partizip-Argumenten verträgt, was nicht vom jeweiligen Partizip, sondern von der Art des Arguments abhängt. Das bedeutet, dass ein akzeptables mit un- präfigiertes Partizip nur adjektivisch sein kann, niemals verbal. Ich werde dies anhand folgender Beispielsätze erläutern (Lenz 1993: 42-43):

 

(19) Diese Lösung befriedigt mich.

(20) diese mich befriedigende Lösung

(21) *diese mich unbefriedigende Lösung

(22) diese für mich befriedigende Lösung

(23) diese für mich unbefriedigende Lösung

(24) *Diese Lösung befriedigt für mich.

 

In (19) ist es die Rede vom finiten Verb befriedigt, von dem das Personalprononomen mich als Argument abhängig ist. Diese finite Konstruktion ist in (20) in eine infinite Partizipialkonstruktion transformiert worden, wobei sich die Argumentstruktur nicht verändert hat. Dass es sich bei befriedigende um ein Partizip handelt, und nicht um ein Adjektiv, geht aus (21) hervor: Durch die Präfigierung mit un- entsteht ein grammatikalisch nicht akzeptabler Satz. In (22) haben wir es auf Grund der Tatsache, dass eine Präfigierung mit un- möglich ist, wie (23) zeigt, dagegen mit dem Adjektiv befriedigend zu tun. Dass für mich kein Argument des Verbs befriedigen darstellt und demnach eine Präfigierung mit un- von befriedigende nicht blockieren kann, beweist Beispielsatz (24). Im ersteren Fall deutet das Argument, das eine Präfigierung mit un- verhindert, auf ein verbales Partizip hin, im letzteren Fall die Möglichkeit zur Präfigierung mit un- auf ein adjektivisches. Der in dieser Arbeit verwendeten Terminologie entsprechend heißt es, dass wir in (20) mit einem attributiv gebrauchten 1. Partizip, in (22) mit einem attributiv gebrauchten Adjektiv zu tun haben.

 Mit diesen beiden Kriterien ist das Kategorisierungsproblem jedoch noch nicht völlig gelöst, denn es gibt Sätze und Konstruktionen, in denen das Partizip sowohl verbal als auch adjektivisch verstanden werden kann, so wie in (Lenz 1993: 41):

 

(25) die gewürzte Suppe

 

Diese Konstruktion lässt zwei Lesarten zu, nämlich:

 

(26) die von mir gewürzte Suppe

(27) die ungewürzte Suppe

 

In (26) stellt gewürzte durch die von-Phrase deutlich ein attributiv gebrauchtes 2. Partizip dar, in (27) deutet die Präfigierung mit un- auf ein attributiv gebrauchtes Adjektiv hin. Dies beinhaltet, dass ein Partizip ohne Ergänzungen ambig ist, da es sowohl ein richtiges Partizip als auch ein Adjektiv sein kann. Wenn ein solcher Fall vorliegt, ist das Kriterium des Kontextes anwendbar: Anhand des Kontextes soll festgestellt werden, ob wir es mit einem Partizip oder einem Adjektiv zu tun haben. Sollte dann noch Unklarheit bestehen, wird die betreffende Konstruktion nicht als attributiv gebrauchte Partizipialkonstruktion betrachtet.

 Der letzte Punkt bezüglich der Kategorisierung von Partizipien bezieht sich auf Zusammensetzungen mit einem Partizip als zweitem Glied. So fängt der Roman Der Wettermacher des schweizerischen Autors Peter Weber folgendermaßen an:

 

Mein Vater kommt aus Unterwasser, meine Mutter aus Berlin. Unterwasser, das ist die zweitoberste, zweithinterste Ortschaft im Toggenburg. Es liegt zwischen den einerseits gäch ansteigenden, breitangelegten, streubesiedelten, grasbewirtschafteten Hängen des Alpsteins und den andererseits gäch ansteigenden, breitangelegten, streubesiedelten, gras- und schneebewirtschafteten Hängen der Churfirsten.[6]

 

In diesem Zitat kommen vier Zusammensetzungen mit einem Partizip als zweitem Glied vor: breitangelegten, streubesiedelten, grasbewirtschafteten und schneebewirtschafteten. Die Frage nun lautet, ob wir diese zusammengesetzten Formen tatsächlich als richtige Partizipien betrachten können, oder ob wir es mit Adjektiven zu tun haben. Die Tatsache, dass die Verben *breitanlegen, *streubesiedeln, *grasbewirtschaften und *schneebewirtschaften nicht existieren, spricht dafür, die betreffenden Formen als Adjektive zu betrachten. Diese Betrachtungsweise ist die einfachste Lösung dieses Kategorisierungsproblems, meiner Meinung nach jedoch zu einfach, denn in diesem Rahmen spielen die Rechtschreibregeln eine wichtige Rolle. Nach den alten Rechtschreibregeln7 – denen gemäß die fünf in dieser Arbeit zu verwendenden deutschen Romane geschrieben worden sind – werden im Deutschen Verbindungen mit einem Partizip als zweitem Glied zusammengeschrieben, wenn sie zur besonderen Charakterisierung eines Wesens oder Dings dienen, und sie bleiben getrennt, wenn beide Teile ihren vollen Wert als Satzglied bewahren (Wermke u.a.: 383). Im Falle von breitangelegten, streubesiedelten, grasbewirtschafteten und schneebewirtschafteten ist also von einer besonderen Charakterisierung die Rede. In den Rechtschreibregeln hat sich allerdings etwas geändert. Nach den neuen Rechtschreibregeln wird, abgesehen von einigen Ausnahmen, in Verbindungen mit einem Partizip als zweitem Glied getrennt geschrieben, wenn eine getrennt geschriebene Wortgruppe zugrunde liegt – z.B Hilfe suchend wegen Hilfe suchen, Laub tragende Bäume wegen Laub tragen, Fleisch fressende Pflanzen wegen Fleisch fressen –, und schreibt man zusammen, wenn eine Zusammensetzung zugrunde liegt – z.B. teilnehmend wegen teilnehmen, irregeleitet wegen irreleiten – (Wermke u.a. 2001: 383). Dies bedeutet, dass die nach den alten Rechtschreibregeln zusammengeschriebenen Formen breitangelegten, streubesiedelten und gras- und schneebewirtschafteten in der neuen Rechtschreibung also getrennt geschrieben worden wären, und damit eindeutig als 2. Partizipien zu betrachten gewesen wären; die neuen Rechtschreibregeln haben gleichsam deren verbale Basis äußerlich, orthographisch wiederhergestellt. Dass eine zusammengesetzte Form wie grasbewirtschafteten dabei nicht einfach in gras und bewirtschafteten zerlegt werden kann, sondern z.B. in als Grasland bewirtschafteten geändert werden muss, während die Zerlegung einer Form wie breitangelegten in breit und angelegten völlig unproblematisch ist, ändert nichts am Prinzip an sich. Für diese Arbeit gilt denn auch, dass ich zusammengeschriebene Formen mit einem Partizip als zweitem Glied, denen nicht direkt ein bestehendes Verb zugrunde liegt, als Partizipien betrachten werde, wenn sie auf Grund der anderen Kriterien als Partizipien kategorisiert werden können.

 

 

2.3 Auf der Suche in Original und Übersetzung

 

2.3.1 Die Vorgehensweise

 

Meine Aussagen in dieser Arbeit über die Art und Weise, wie deutsche attributiv gebrauchte Partizipialkonstruktionen ins Niederländische übersetzt werden, beziehen sich, wie wir in Paragraph 1.3 gesehen haben, auf die literarische Gattung des Romans. Als empirische Grundlage für die Untersuchung dieser Textsorte dienten fünf Romane, die in den 1990er veröffentlicht worden sind. Auf Grund der Besprechung in Paragraph 2.2 habe ich in Flughunde von Marcel Beyer, Helden wie wir von Thomas Brüssig, Finis Terrae. Ein Nachlaß von Raoul Schrott, 33 Augenblicke des Glücks. Aus den abenteuerlichen Aufzeichnungen der Deutschen in Piter von Ingo Schulze und Der Wettermacher von Peter Weber jeweils fünfzig attributiv gebrauchte Partizipialkonstruktionen gesucht. Es gab einige Fälle, in denen in einem Roman Partizipialkonstruktionen vorkamen, die identisch oder fast identisch miteinander waren; diese Fälle habe ich in die Analyse mit einbezogen. Das bedeutet, dass sich die Analyse in dieser Arbeit auf insgesamt zweihundertsechzig deutsche Konstruktionen stützt. Meiner Meinung nach ist das eine Zahl, die generalisierende Aussagen, insoweit Generalisierung überhaupt möglich ist, zulässt. Auf meiner Suche in den betreffenden Romanen habe ich bei deren Beginn angefangen, außer in Finis Terrae. Ein Nachlaß von Raoul Schrott. Da der erste Teil dieses Romans (‚Heft Eins‘ genannt) in Form fragmentarischer Logbuchaufzeichnungen und der zweite Teil (‚Heft Zwei‘) in Form mehrerer Briefe verfasst worden ist, habe ich mich dafür entschieden, meine Suche im dritten Teil (‚Heft Drei‘) anzufangen; darin ist nämlich von einem bezüglich der Form ununterbrochenem Textablauf die Rede.

Die von mir aufgespürten attributiv gebrauchten Partizipialkonstruktionen werden in diesem Paragraphen genau wiedergegeben, wie ich sie definiert habe, d.h. als Konstruktionen, die aus mindestens einem Partizip bestehen, das durch zusätzliche Glieder erweitert werden kann. Betrachten wir nochmals die beiden Sätze des Fragmentes aus 33 Augenblicke des Glücks (s. Paragraph 1.1), in denen die Partizipialkonstruktionen auftreten:

 

Ich glaubte, an ein im Krieg verlassenes Haus geraten zu sein. Aber hier waren die fünf Stufen, die geschnitzten Blumenkästen.

 

In diesen Sätzen sind die attributiv gebrauchten Partizipialkonstruktionen von mir unterstrichen worden und genau so werden sie in einer Tabelle wiedergegeben: im Krieg verlassenes und geschnitzten. Dabei gebe ich anhand von Tabelle 1 aus Subparagraph 2.2.1 an, in welche Kategorie die betreffende Konstruktion gehört. Außerdem stelle ich in derselben Tabelle den deutschen Konstruktionen deren niederländische Entsprechungen gegenüber. In Anhang 1 dieser Arbeit werden die deutschen Sätze, in denen die Partizipialkonstruktionen auftreten, sowie die korrespondierenden niederländischen Sätze vollständig wiedergegeben, es sei denn, dass der Satz wirklich sehr lang ist. In diesen Fällen wird nur der relevante Teil des Satzes präsentiert. Auf diese Weise verfügt der Leser über den Kontext, innerhalb dessen sich die Analyse abspielen wird. Ich speche über den Satz als „den Kontext, innerhalb dessen“, weil ich annehme, dass die Analyse die Ebene des Satzes nicht überschreiten muss. Ob meine Annahme tatsächlich zutrifft, wird sich aus der Analyse zeigen.

 Im vorigen Absatz habe ich angegeben, dass neben den deutschen attributiv gebrauchten Partizipialkonstruktionen auch deren niederländische Entsprechungen präsentiert werden. Die Frage nun lautet, welche niederländischen Textelemente genau den deutschen Konstruktionen entsprechen. Um diese Elemente aufzuspüren, habe ich, vom deutschen und korrespondierenden niederländischen Satz ausgehend, folgende Methode angewendet:

 

- Schritt 1: sowohl den deutschen als auch den niederländischen Satz in Satzglieder, die syntaktische Funktionen wie Subjekt, Prädikat, Objekt und Adverbialbestimmung erfüllen, zerlegen;

- Schritt 2: das deutsche Satzglied, in dem die attributiv gebrauchte Partizipialkonstruktion auftritt, isolieren und das korrespondierende niederländische Satzglied (oder die Satzglieder) aufspüren, indem man die übrigen deutschen Satzglieder mit deren niederländischen Entsprechungen verbindet;

- Schritt 3: diese beiden Satzglieder weiter in kleinere zusammengehörende Teile zerlegen, bis schließlich im deutschen Satzglied die attributiv gebrauchte Partizipialkonstruktion als selbständiger zusammengehörender Teil auftritt;

- Schritt 4: bei allen zusammengehörenden Teilen aus dem deutschen Satzglied außer der attributiv gebrauchten Partizipialkonstruktion, die per definitionem einer der zusammengehörenden Teile im Satzglied ist, die korrespondierenden Teile aus dem niederländischen Satz suchen;

- Schritt 5: feststellen, was im niederländischen Satzglied (oder in den Satzgliedern) übrigbleibt: Dies entspricht normalerweise der deutschen attributiv gebrauchten Partizipialkonstruktion. Ich sage absichtlich „normalerweise“, denn es ist möglich, dass der Übersetzer die attributiv gebrauchte Partizipialkonstruktion gar nicht übersetzt hat oder Elemente hinzugefügt hat, die sich keineswegs auf die Partizipialkonstruktion beziehen. Im ersteren Fall bleibt nichts im niederländischen Satz übrig, im letzteren Fall handelt es sich um Elemente, die nicht mit der deutschen Konstruktion korrespondieren. Deswegen ist Vorsicht bei der Feststellung der niederländischen Elemente, die der deutschen attributiv gebrauchten Partizipialkonstruktion entsprechen, geboten.

 

Ich werde die Anwendung der Methode anhand folgenden, dem Leser mittlerweile bekannten Satzes aus 33 Augenblicke des Glücks und dessen niederländischer Entsprechung erläutern:

 

 

Original

Übersetzung

 

 

Ich glaubte, an ein im Krieg verlassenes Haus geraten zu sein.

Ik had het gevoel dat ik bij een huis was aangekomen dat tijdens de oorlog was verlaten.

 

Schritt 1:

- Original: / Ich / glaubte / an ein im Krieg verlassenes Haus geraten zu sein /

- Übersetzung: / Ik / had / het gevoel dat ik bij een huis was aangekomen dat tijdens de oorlog was verlaten /

Schritt 2:

- Original: / an ein im Krieg verlassenes Haus geraten zu sein /

- Übersetzung: / het gevoel dat ik bij een huis was aangekomen dat tijdens de oorlog was verlaten /

Schritt 3:

- Original: / geraten zu sein / an ein im Krieg verlassenes Haus / Þ / an ein Haus / im Krieg verlassenes /

- Übersetzung: / het gevoel / dat ik bij een huis was aangekomen dat tijdens de oorlog was verlaten /Þ / dat ik was aangekomen / bij een huis dat tijdens de oorlog was verlaten / Þ / bij een huis / dat tijdens de oorlog was verlaten /

Schritt 4:

- / geraten zu sein / Û / dat ik was aangekomen /

- / an ein Haus / Û / bij een huis /

Schritt 5:

- / im Krieg verlassenes / Û / dat tijdens de oorlog was verlaten /

Die im niederländischen Satzglied übrigbleibenden Elemente dat tijdens de oorlog was verlaten entsprechen problemlos der deutschen attributiv gebrauchten Partizipialkonstruktion im Krieg verlassenes. Es ist der Zweck dieser Arbeit diese beiden Konstruktionen anhand des Tertium Comparationis zu analysieren und miteinander zu vergleichen.

 

Ich möchte betonen, dass die oben stehende Methode eine lauter praktische Methode ist, der keine theoretischen Überlegungen zugrunde liegen. In dem Sinne ist sie nicht einwandfrei: Es könnte Fälle geben, in denen die Methode keine eindeutige Kupplung von korrespondieren Elementen aus Original und Übersetzung zulässt und demnach subjektive Einschätzungen eine Rolle spielen. Problematisch finde ich das allerdings nicht, denn in vielen Fällen steht die Kupplung außer Frage. Da sich die Kupplung ‚nur‘ auf der Ebene des Satzes oder des Satzgliedes abspielt, ist die Methode relativ leicht anzuwenden. Und, welche Methode man auch anwendet, Zweifelsfälle werden immer vorkommen, ganz gewiss wenn man sich mit etwas Subjektivem wie Übersetzen oder dem Vergleich von Übersetzungen beschäftigt. Darüber hinaus halte ich es für wichtiger, auf Grund einer vielleicht nicht ganz einwandfreien Methode Aussagen zu machen als gar nichts zu sagen. Im weiteren Verlauf dieses Paragraphen werden nun die Ergebnisse meiner Suche präsentiert, wobei jeder Subparagraph mit einer kurzen Besprechung des Autors des betreffenden Romans, des Inhalts und der Übersetzerin oder des Übersetzers anfängt.

 

 

2.3.2 Flughunde von Marcel Beyer

 

Marcel Beyer, geboren 1965 in Tailfingen (Württemberg), studierte Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaften (www.gm.shuttle.de/gm/wwg/faecher/deutsch/infos.htm). Seit Ende der 1980er Jahre veröffentlicht er Essays, journalistische Arbeiten, Gedichtbände und Romane. Daneben ist er als Herausgeber, Lyrik-Lektor, Übersetzer (Deutsch-Englisch), Literatur- und Musikkritiker tätig. 1991 erscheint sein Debutroman Das Menschenfleisch. Die Süddeutsche Zeitung nennt den Roman ein „Meisterstück“. Vier Jahre später folgt der Roman Flughunde, der Beyers literarischen Durchbruch markiert. Das Jahr darauf wird sein Gedichtband Falsches Futter publiziert und 2001 erscheint sein bisher letzer Roman Spione. Für sein Werk hat Beyer zahlreiche literarische Preise und Stipendien erhalten; so erhält er für Flughunde 1997 den Uwe-Johnson-Preis. In diesem Jahr wird Flughunde von Wil Hansen unter dem Titel Vliegende honden ins Niederländische übersetzt. Hansen, Übersetzer und Verleger beim Verlag Cossee, hat aus dem Englischen u.a. A house in Spain von J.M. Coetzee und The mystic masseur von V.S. Naipaul, aus dem Deutschen u.a. Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten von Victor Klemperer, Liebesgeschichten von Hermann Hesse, Schlafes Bruder von Robert Schneider, Stier von Ralf Rothmann und Der Tangospieler von Christoph Hein ins Niederländische übersetzt.

In Flughunde sind zwei Erzählerstimmen hörbar: Eine gehört Hermann Karnau, die andere dem zu Beginn des Romans achtjährigen Mädchen Helga. Hermann Karnau ist Hauptfigur (und Erzähler) der Geschichte „aus den verschatteten Nebengelassen des nationalsozialistischen Machtsystems“ (Kraft 2000: 149). Karnau ist eine historische Gestalt – er war Wachmann im Berliner Führerbunker und Überbringer der Nachricht von Hitlers Tod an die Amerikaner –, die bei Beyer auftritt als Ingenieur (Tontechniker), der für die Beschallung der nationalsozialistischen Aufmärsche verantwortlich ist. Karnau ist besessen von Stimmen und beschäftigt sich deswegen auch in seiner Freizeit intensiv mit der Aufzeichnung und Erforschung menschlicher Stimmen. Da Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels mit Karnaus Arbeit sehr zufrieden ist, bringt er, als seine Ehe kriselt und sein letztes Kind zur Welt komt, Sohn und Töchter vorübergehend bei Karnau unter. Goebbels’ älteste Tochter heißt Helga. Nach diesem ersten Treffen begegnen beide sich immer wieder. Das letzte Mal nach fast fünf Jahren nationalsozialistischen Kriegs im April 1945 im Berliner Führerbunker: Goebbels und seine Familie verbleiben dort wegen der Bombardemente auf Berlin, Karnau hält sich dort auf, um die Führerstimme aufzuzeichnen.

Flughunde nun ist eine Collage, die aus zahlreichen zumeist kurzen inneren Monologen, abwechselnd von Karnau und Helga, montiert ist (homepages.compuserve.de/WunderlichDieter/Beyer_flughunde.htm). Die Passagen laufen zum Teil parallel, aber häufig bilden die verschiedenen Perspektiven auch Gegensätze; Karnaus gefühllose Überlegungen und Helgas kindliche Gedankengänge stehen sich gegenüber. Beyer schildert in Flughunde anhand teils fiktiver, teils realer Ereignisse aus der Zeit des Nationalsozialismus den Niedergang der Humanität. Kauft Karnau am Anfang des Romans noch Pferde- und Schweineschädel, um die Stimme erforschen zu können, am Ende des Romans macht er gewissenlos Menschenversuche an Kriegsgefangenen, sucht er an Kehlköpfen nach dem Ursprung des Lautes. Helga verkörpert die Sorge und Liebe, die auch der Kriegsalltag kennt; vor diesem Hintergrund erweist Karnau sich als verlässlicher Ersatzvater (Kraft 2000: 150). Er spielt aber mehr oder weniger eine Doppelrolle, denn seine Leidenschaft für die menschliche Stimme – seine Blindheit gegenüber dem nationalsozialistischen System und Kriegsgeschehen – ist stärker als die Verantwortung für Goebbels Kinder – seine Menschlichkeit und Menschsein.

 Tabelle 2 nun zeigt die Ergebnisse meiner Suche in Marcel Beyers Original Flughunde und in Wil Hansens niederländischer Übersetzung Vliegende honden:

 

Tabelle 2: attributiv gebrauchte Partizipialkonstruktionen in Flughunde und deren niederländische Entsprechungen in Vliegende honden

Nr.

Original

Kat.

Übersetzung

1.

ausrasierten [9]

3.1a

opgeschoren [7]

2.

verfallenes [10]

3.2a

gevallen [8]

3.

brennende [11]

1a

brandende [9]

4.

abrückenden [11]

1a

afmarcherende [9]

5.

angekündigte [13]

3.1a

aangekondigde [11]

6.

so laut hervorgebrachte [14]

3.1c

luid voortgebrachte [12]

7.

überdehnten [15]

3.1a

gespannen [12]

8.

erhobene [15]

3.1a

geheven [13]

9.

heraufziehenden [15]

1a

aanbrekende [13]

10.

gesenktem [16]

3.1a

gebogen [13]

11.

abgetönten [16]

3.1a